Air Berlin
Geglückte Flucht über den Ärmelkanal

Joachim Hunold kennt keine Grenzen. Zur ersten Hauptversammlung seiner seit August börsennotierten Fluglinie Air Berlin lädt der Gründer und Vorstandschef nach London ein. (K)ein Schelm, der Absicht vermutet – und Hunolds Kalkül scheint auch noch aufzugehen.

LONDON. Das Hilton London Stansted Airport Hotel ist der perfekte Ort für einen Selfmademan wie Hunold, der neugierigen Fragen von Arbeitnehmern, Aktionären und Analysten gerne aus dem Weg geht – selbst dann, wenn die Daumen für Air Berlin nach oben zeigen.

Die Flucht scheint zu glücken. Nur 84 Aktionäre haben sich für den heutigen Mittwoch angemeldet – und dass, obwohl Hunold allen Aktionären, die mit Air Berlin anreisen, großzügig einen Preisnachlass von 25 Prozent einräumt. Den Hinweis „begrenzte Verfügbarkeit“ hätte er sich sparen können. Bisher haben nur elf Anteilseigner die Buchungshotline genutzt.

Und auch für die 84, die kommen wollen, wird es wohl eine wenig ergiebige Veranstaltung werden. Das Rede- und Fragerecht ist bei einer „public limited company“ britischen Rechts wie die Air Berlin eine ist eingeschränkt und Anfechtungsklagen nicht möglich.Offizielle Fragen sind bei Air Berlin bisher keine eingegangen. Bei der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz rechnet man deshalb damit, dass „der Spuk nach einer Stunde vorbei ist“.

Auch Aktionäre, die noch auf eine Dividende hoffen, werden wohl enttäuscht. In den ersten drei Jahren soll es keine Ausschüttung geben – so hieß es schon beim Börsengang und so soll es nach dem wider Erwarten sehr erfolgreichen Geschäftsjahr 2006 mit einem Gewinn von 50 Millionen Euro bleiben.

Es ist kein Wunder, dass Hunold Fragen fürchtet. Seine Air Berlin hat inzwischen durch die Übernahme der DBA und den geplanten Kauf der LTU eine kritische Größe erreicht. Die Flieger mit der roten Lackierung kleben der blau-gelben Lufthansa auf der Kurz- und Mittelstrecke quasi am Heck. Air Berlin ist für den ehemaligen Staatsflieger der erste wirklich ernst zu nehmende Konkurrent aus Deutschland. Allerdings – und das ist die Crux – ist die vom Kartellamt noch zu genehmigende Übernahme der LTU erstens nicht billig, und zweitens gilt die Restrukturierung und Integration der Düsseldorfer als schwierig.

Erstens, nicht ganz billig: Für die seit Jahren wie eine heiße Kartoffel von einer in die andere Investorenhand gewanderte LTU will Hunold 140 Millionen Euro zahlen. Zudem übernimmt er 190 bis 200 Millionen Euro Nettofinanzverbindlichkeiten. Für die strategischen Möglichkeiten, die sich Hunold mit der LTU kauft – wie die Langstreckenflotte sowie die Slots und Basis am Flughafen Düsseldorf – ist das zwar wenig. Der Preis ist allerdings hoch, glaubt man den Gerüchten, dass die bisherigen Eigner die LTU Anfang des Jahres noch für einen Euro verschenken wollten.

Zweitens, die Zeit und Kraft raubende Restrukturierung und Integration: Zwar hat Hunold bei der DBA schon seine Fähigkeiten bewiesen. Die LTU gilt aber aufgrund des hohen gewerkschaftlichen Organisationsgrads als harter Brocken, und die Langstrecke ist neues Terrain.

Immerhin: Die Tagungssprache am heutigen Mittwoch soll deutsch sein, da 83 der 84 Aktionäre aus Deutschland kommen. Und die Premiere in London soll keine Fortsetzung finden – so ist aus dem Konzern zu hören. 2008 will Hunold in Berlin Hof halten.

Tanja Kewes
Tanja Kewes
Handelsblatt / Chefreporterin
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