Air Berlin
Mitarbeiter im luftleeren Raum

Die insolvente Air Berlin ist weitgehend aufgeteilt, viele Mitarbeiter haben Chancen auf einen neuen Job. Doch der Übergang gestaltet sich zunehmend schwierig: Die Verunsicherung in der Belegschaft ist groß.
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FrankfurtDie Zahlen überraschen: Obwohl das Management und die Insolvenzverwaltung von Air Berlin mehrfach klar gemacht haben, dass die Mitarbeiter nicht sich davon ausgehen können, in den kommenden Wochen ihr Gehalt ausgezahlt zu bekommen, haben sich bislang nur wenige arbeitslos gemeldet. Die für den Stammsitz der Airline zuständige Arbeitsagentur Berlin Nord hatte zur Wochenmitte gerade einmal 400 Angestellte der Fluggesellschaft gezählt, die sich zu diesem Schritt entschlossen haben.

Eigentlich hätten es etwa 1200 sein müssen. Das ist grob die Zahl jener Mitarbeiter am Standort Berlin, die weder durch die Übernahme von Air Berlin-Teilen durch andere noch durch den Wechsel in Transfergesellschaften auf eine Weiterbeschäftigung hoffen können.

Wie aus dem Umfeld von Air Berlin-Mitarbeitern zu hören ist, sind viele verunsichert. So werde befürchtet, durch die Anmeldung der Arbeitslosigkeit sowie der damit verbundenen Kündigung die Chance zu verwirken, sich später etwa bei Lufthansa oder Easyjet einzuklagen, die wesentliche Teile von Air Berlin übernehmen. Doch Rechtsexperten weisen darauf hin, dass das nicht der Fall ist. Selbst wenn sich Air Berliner, die zurzeit nur auf Widerruf freigestellt seien, selbst arbeitslos melden würden, hätten sie später die Möglichkeit einer Kündigungsschutzklage. Man verliere dadurch also keine Rechte, heißt es unter Rechtsexperten.

Sowohl Verdi als auch die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit haben mehrfach deutlich gemacht, dass sie gerichtlich klären lassen wollen, ob es sich nicht auch bei der schlichten Übernahme von Flugzeugen beziehungsweise der entsprechenden Leasingverträgen um einen Betriebsübergang nach Paragraf 613a handelt. Rechtsexperten schätzen die Chancen einer solchen Klage zwar als nicht besonders hoch ein. Aber sie weisen gleichzeitig darauf hin, dass ein solche Fall bisher noch nicht letztinstanzlich etwa vor dem Europäischen Gerichtshof (EuGH) geklärt worden sei.

„Viele von uns hoffen auf die Möglichkeit einer Kündigungsschutzklage“, beschreibt ein Air Berlin-Mitarbeiter die Stimmung bei einem Teil der Airline-Mitarbeiter. Allerdings würde die rechtliche Klärung der komplexen Situation wohl Jahre dauern. Auch deshalb hat nun die Personalchefin von Air Berlin die Belegschaft in einem internen Schreiben aufgefordert, sich rasch arbeitslos zu melden. Man sei erstaunt, dass das bislang nur so wenige getan hätten, heißt es in dem Schreiben, das dem Handelsblatt in Auszügen bekannt ist. Auch Verdi-Vorständin Christine Behle hatte kürzlich gegenüber dem Handelsblatt erklärt: „Der Fall könnte bis zum EuGH gehen, das kann bis zu vier Jahre dauern. Die kann man als Arbeitnehmer nicht überbrücken, deshalb raten wir jedem, sich zu bewerben."

Auch an anderer Stelle ruckelt es in Sachen neuer Job für Air Berliner noch gewaltig. Das Veto der Vereinigung Cockpit gegen einen Tarifvertrag für Eurowings Deutschland hat eine Kettenreaktion ausgelöst. In diesem neuen Tarifvertrag sollte eigentlich der Wechsel von Air Berlin-Piloten zum Billigableger der Lufthansa geregelt werden. Doch der Vorstand der Pilotengwerkschaft hatte den schon ausgehandelten Kompromiss zu Wochenbeginn gekippt, wohl auch, weil man gewisse Mindeststandards bei den Arbeitsbedingungen für A320-Piloten gefährdet sieht.

Das sorgt für mächtig Irritation und Unmut beim fliegenden Personal. Am Donnerstag waren die Piloten von Eurowings Deutschland über ihre eigene Gewerkschaft hergezogen. Sie fürchten um ihre eigenen Karrierechancen, da mit dem Veto des VC-Vorstands auch die Wachstumsmöglichkeiten von Eurowings Deutschland begrenzt werden. Das Eurowings-Management will die Air Berlin-Piloten nun bei Eurowings Europe in Wien anstellen, zwar zu den gleichen Bedingungen wie in Deutschland aber ohne gültigen Tarifvertrag.

Am Freitag nun meldete sich auch die Kabinen-Gewerkschaft UFO zu Wort. Denn mit den Piloten soll nun auch das Kabinenpersonal von Air Berlin in Wien angestellt werden. Dabei hatte sich UFO schon vor einigen Wochen mit dem Management über einen „Tarifvertrag Wachstum“ geeinigt, der eine Anstellung in Deutschland erlaubt. „Seit Monaten sind diese Kollegen in Unsicherheit über ihre weitere berufliche Existenz. Ein drittes Mal wird nun die Marschrichtung gewechselt“, klagt Nicoley Baublies, Tarifvorstand bei UFO und Vorsitzender der Industriegewerkschaft Luftverkehr (IGL), in einer von der Gewerkschaft verbreiteten Erklärung: „Dabei wäre es ein Leichtes gewesen, die Kabinenkollegen bei der deutschen Gesellschaft anzustellen und für die Zeit, in der es keine Lösung im Cockpit gibt, an andere Unternehmen wie die EW-EU auszuleihen.“

Erneut werde ein Streit mit den Piloten auf dem Rücken der Kabinenmitarbeiter auszutragen, so Baublies weiter. Erste Bewerber von Air Berlin hätten bereits eine Absage wegen der neuen Situation bekommen, ohne dass das Management von Eurowings überhaupt mit UFO nach möglichen Alternativlösungen gesucht habe. Das sei ein untragbarer Zustand.

Jens Koenen leitet das Büro Unternehmen & Märkte in Frankfurt.
Jens Koenen
Handelsblatt / Leiter Büro Frankfurt

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  • Wir wollen ein ordentliches, in Deutschland sozial- und steuerpflichtiges Arbeitsverhältnis und keines, wie bei Mitbewerbern, die sich vor ihrer sozialen und steuerlichen Verpflichtung drücken. Damit übernehmen wir die Verantwortung für unsere gesamte Kollegenschaft der Air Berlin, die mit an Bord gehört.
    Sind Sie bereit Ihren Teil der sozialen Verantwortung bei der Schaffung eines internationalen Champions der Luftfahrt zu übernehmen?
    Ihre Air Berlin Piloten

  • Ein Artikel, der nur teilweise die komplexen Tatsachen wiedergibt. Warum sollten widerruflich freigestellte Mitarbeiter die Kündigung von sich aus betreiben, wenn doch ihr Arbeitsverhältnis unvermindert andauert? Mit dem geforderten Verhalten der Arbeitslosmeldung und dem Antrag auf Arbeitslosengeld erlischt selbstverständlich nicht die Möglichkeit einer Kündigungsschutzklage, jedoch gibt es eine nicht unerhebliche Anzahl von Rechtsexperten, die hierin eine wesentliche Schmälerung der Erfolgsaussichten dieser sehen. Somit ist das Verhalten der Belegschaft mehr als schlüssig, das gebotene juristisch strittige Terrain zu meiden.
    In Hinsicht auf den Arbeitsplatzwechsel hin zu den übernehmenden Unternehmen wird von der gesamten freigestellten Belegschaft bisher verlangt, ein umfangreiches Bewerbungsverfahren und eine Selektion zu durchlaufen. Hierbei kann nicht die Rede von einer Übernahme des Personals sein.
    Deshalb richten wir hiermit einen Brief an den Vorstandsvorsitzenden der Lufthansa Herrn Carsten Spohr, verantwortlich für die Übernahme weiter Teile der Air Berlin Flugzeug Flotte und Streckenrechte.

    Sehr geehrter Herr Spohr,

    nach einer wochenlangen Hängepartie, unzähligen erfolglosen Gesprächen und Verhandlungen ist es offensichtlich, dass Sie und damit die Lufthansa Group einerseits unter Umgehung eines Betriebsüberganges und der deutschen Gesetzgebung Mitarbeiter der Airberlin in die Arbeitslosigkeit und in neue, billigste Arbeitsverhältnisse treiben wollen. Andererseits jedoch übernimmt die Lufthansa Group Streckenrechte und Flugzeuge.
    Wir sagen Ihnen als Piloten, dass wir uns weigern werden, dieses fragwürdig legale aber definitiv nicht legitime Verhalten zu akzeptieren.
    Ein organisches Wachstum wird Ihnen mit den gebotenen Arbeitsbedingungen nicht gelingen. Wir freigestellten Piloten erklären uns bereit bei einem geordneten Betriebsübergang, so wie es das deutsche Gesetzt in solch einem Fall vorsieht, sofort unsere Arbeit fortzusetzten.

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