Aktie stürzt ab
Tui verwirrt seine Investoren

Der Reise- und Logistikkonzern Tui hat mit einer Börsenmitteilung einen Kurssturz bei seiner Touristiktochter Tui Travel ausgelöst. Das Hannoveraner Unternehmen erklärte am Donnerstag, in den kommenden sechs Monaten kein konkretes Übernahmeangebot für die verbleibenden Papiere von Tui Travel vorlegen zu wollen. Daraufhin rauschte die Aktie von Tui Travel um fast 20 Prozent in den Keller.

FRANKFURT. Die Mitteilung erwischte viele Investoren auf dem falschen Fuß. Tui hatte am Sonntag sein Reederei-Geschäft Hapag-Lloyd für 4,45 Mrd. Euro inklusive Schulden an ein Konsortium um den Hamburger Logistikunternehmer Michael Kühne verkauft. In diesem Zusammenhang hatte das Management erklärt, einen Teil des Verkaufserlöses in den Ausbau des Touristikgeschäftes investieren zu wollen. Eine Option sei die Übernahme der restlichen Anteile an Tui Travel, an der der Konzern bislang 51 Prozent hält.

Daraufhin war der Aktienkurs der Touristiktochter in die Höhe geschossen. Die gestrige Mitteilung scheint nun auf den ersten Blick die Ernsthaftigkeit des Kaufinteresses in Frage zu stellen. Daraufhin sauste der Tui Travel-Kurs wieder nach unten.

Auf den zweiten Blick zeigt sich jedoch, dass Tui nach wie vor ein Auge auf die Tochter geworfen hat und sich alle Handlungsoptionen offen hält. Gesetzt den Fall, das Management von Tui Travel befürworte einen Komplettübernahme, könne man durchaus vor Ablauf der Frist von sechs Monaten aktiv werden, hieß es in Konzernkreisen. Gleiches gelte, wenn eine dritte Partei Interesse an Tui Travel bekunden sollte. „Für uns hat sich seit der ersten Erklärung vom Sonntag nichts geändert“, bekräftigte ein Tui-Sprecher. Die Mitteilung sei aus regulatorischen Gründen herausgegeben worden.

Hintergrund der Verwirrspiels sind anscheinend die speziellen Übernahmeregeln in Großbritannien, wo Tui Travel an der Börse gelistet ist. Dort sei, so heißt es im Umfeld von Tui, die europaweit ausgesendete Ad-Hoc-Mitteilung über den Hapag-Verkauf am Sonntag nicht wahrgenommen worden, da ein eigenes System für solche Pflichtmitteilungen existiere. Daraufhin habe Tui die Meldung vom Sonntag am Montag in England erneut versendet. Diese sei dann aber überinterpretiert worden in Richtung eines fast schon konkreten Angebots. Als dann der Kurs von Tui Travel nach oben schnellte, hätten sich die Hannoveraner dazu gezwungen gesehen, die Situation klar zu stellen.

De facto bleibt die Komplettübernahme von Tui Travel eine naheliegende Option für den Konzern – zumal der Konzern nur rund ein Jahr Zeit hat, den Verkaufserlös zu investieren. Gelingt dies nicht, müsste er ausstehende Anleihen in Höhe von zwei Mrd. Euro zurückzahlen. „Zwei Milliarden können nicht in so kurzer Zeit in Hotels oder neue Kreuzfahrtschiffe investiert werden. Tui Travel ist ein logischer Schritt“, sagte Nils Machemehl von der BHF Bank. Zudem passe ein solches Engagement sehr gut, da die verbleibenden Anteile von Tui Travel gemessen an der derzeitigen Börsenbewertung rund 1,5 Mrd. Euro kosten würden. „Zusammen mit einem Premium ist man fast bei zwei Milliarden Euro“, rechnet Machemehl vor.

Tui Travel ist aus der im vergangenen Jahr vollzogenen Fusion des britischen Touristikunternehmens First Choice mit dem Touristikgeschäft von Tui entstanden. Einen kompletten Jahresbericht gibt es deshalb noch nicht. Analysten gehen davon aus, dass Tui Travel einen Umsatz von etwa 12,8 Mrd. Pfund (16,3 Mrd. Euro) sowie ein Betriebsergebnis (Ebit) von rund 380 Mio. Pfund erwirtschaften wird.

Jens Koenen leitet das Büro Unternehmen & Märkte in Frankfurt.
Jens Koenen
Handelsblatt / Leiter Büro Frankfurt
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