Aldi-Expansion
Aldi brutal

Der Kurs der Aldi-Führung ist klar auf Expansion gerichtet: Geheimnisumwittert und allgegenwärtig erobert der verschwiegene Handelskonzern Land für Land. Doch eine Reise durch das Aldi-Universum zeigt: Nicht überall stößt das Konzept auf Gegenliebe. Die geheimnisvollen Methoden der Billig-Weltmacht – ein Inside-Report.

Österreich: In der Knochenmühle

Bereichsleiter, das ist einer der härtesten Jobs im Aldi-Universum. Wer diesen Job hat, spürt die fast schon brutale Konsequenz des Systems Aldi besonders deutlich. Zorn und Stolz kommen in Ingo Behringer (Name von der Redaktion geändert) auf, wenn er an seine ersten Monate als Bereichsleiter bei der österreichischen Aldi-Tochter Hofer zurückdenkt, die 1962 von Helmut Hofer gegründet und 1968 von Aldi Süd übernommen worden war. "Erst wird man in den Boden gerammt, so tief es geht, aber dann gibt es sehr gute Aufstiegschancen", sagt der hochgewachsene, mit einem eleganten grauen Anzug bekleidete Mittzwanziger.

Wie Hunderte andere Bereichsleiter - zumeist frisch von der Universität - durchlief Behringer die knochenharte Grundausbildung, mit der die Aldi-Süd-Gruppe Schwache und Widerspenstige aus ihrer Vertriebsorganisation siebt. In wenigen Monaten musste er Aldis Warenwirtschaft, Buchhaltung und Personalführung beherrschen und als Anfänger selbstständig eine Filiale führen. Er arbeitete 16 Stunden täglich und verlor acht Kilogramm seines Körpergewichts. Viele andere gaben auf. Die Position Bereichsleiter ist ein Durchlauferhitzer. "Wer nach zwei Jahren noch nicht befördert ist, wurde entweder gefeuert, ist selbst gegangen oder am Herzinfarkt gestorben."

Wer durchhält, wird belohnt

Doch wer durchhält, wird belohnt: Aldi überträgt ihm Verantwortung für zunächst drei oder vier, später für bis zu zehn Filialen. Die Bereichsleiter stellen Verkaufspersonal ein und kündigen, prüfen die angelieferte Ware, sorgen dafür, dass ihre Märkte sauber und aufgeräumt sind. Sie kontrollieren den Geldstrom und überwachen jedes noch so winzige Detail - genau so, wie es das rund 60 Seiten dicke Buch "Standards im Verkauf" vorschreibt. Behringer nennt es "die Bibel" des Aldi-Vertrieblers, mit Reinigungsplänen "für absolut alles, sogar die Kacheln der Toilettenräume". Und strengen Verhaltensregeln: Fragt ein Kunde nach einem Produkt, das erst aus dem Lager geholt werden muss, darf die Verkäuferin ihm niemals nur das einzelne Stück bringen, sondern hat ihm einen ganzen Karton anzubieten. Sie muss lange dunkle Hosen und geschlossene Schuhe tragen. Ware darf nur bis zu einer genau festgelegten Höhe unter das Preisschild gestapelt werden. Die Fenster in der Kaffeeküche der Mitarbeiter sind geschlossen zu halten - der Bereichsleiter prüft.

Die Bereichsleiter hetzen rastlos von Markt zu Markt, ihre Firmenwagen sind ihre Büros. In der Kommunikation mit seinen Außendienstlern zeigt sich Hofer technologieresistent: Die Bereichsleiter schicken ihre Tourenpläne per Fax, nicht per E-Mail. Typisch für den Discountriesen: Kaum je ist Aldi der Pionier - neue Technik wird erst installiert, wenn es nicht mehr anders geht und andere sie bis zum Exzess getestet haben.

Aldis Macht reicht bis in die Privatsphäre der Bereichsleiter: Bärte sind verpönt. Wer einen trägt, wird entweder gar nicht erst eingestellt oder diskret gebeten, ihn abzunehmen. Erscheint jemand schlecht rasiert zu einem Bereichsleitertreffen, muss er sich auf eine Standpauke vor versammelter Mannschaft gefasst machen. Für Bereichsleiterinnen gilt: keine rot lackierten Nägel.

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