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Anständig ist anders

Die Gewerkschaft Verdi ruft am Weltgesundheitstag einmal wieder zu Protesten beim US-amerikanischen Versandhändler Amazon auf. Dieser Schritt ist wirkungslos, aber gerechtfertigt. Ein Kommentar.
Mitarbeiter kämpfen seit mehreren Jahren um die Anerkennung der Tarifverträge im Einzel- und Versandhandel. Quelle: dpa
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Mitarbeiter kämpfen seit mehreren Jahren um die Anerkennung der Tarifverträge im Einzel- und Versandhandel.

(Foto: dpa)

HamburgEs wird zu einem Dauerkonflikt: Die Gewerkschaft Verdi organisiert Aktionen gegen Amazon – und der US-Versandhändler versucht, diese zu ignorieren.

Diesen Donnerstag nutzt Verdi den Weltgesundheitstag für Aktionen an sechs Logistikstandorten, unter anderem im hessischen Bad Hersfeld und Koblenz. Der Ausstand soll bis zum Donnerstagabend dauern.

Ein bekanntes Muster: Die Gewerkschaft instrumentalisiert zugkräftige Themen wie Gesundheit und Arbeitsüberlastung, um für die Tarifbindung zu kämpfen. Verdi verlangt von Amazon seit drei Jahren die Anerkennung der Tarifverträge im Einzel- und Versandhandel, was der Handelsriese bisher kategorisch ablehnt. Das Unternehmen sieht sich als Logistikkonzern und erklärt, dass seine Löhne am oberen Ende der in dieser Branche üblichen Bandbreite lägen.

„Arbeit darf nicht krank machen, und da liegt bei Amazon einiges im argen, denn die Krankheitsquoten sind außerordentlich hoch“, sagte Gewerkschaftssekretärin Mechthild Middeke. „Wir wollen genauer wissen, wo der Schuh drückt und Forderungen entwickeln.“

Dabei ist der Gedanke dahinter nicht falsch. Tarife gewährleisten Chancengleichheit in der Branche. Für den Versender Otto ist es derzeit ein Nachteil, im Einzelhandelstarif zu sein.

Amazon ist mit Abstand der größte Versender, und trotz ausbleibender nachhaltiger Gewinne äußerst finanzstark.

Die Gewerkschaft muss dafür kämpfen, dass sich die Meinung bei Amazon ändert – sonst macht sie sich selbst überflüssig.

Prime Day oder „Shame Day“?
Geburtstagsgeschenke
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Amazon feierte seinen 20. Geburtstag mit einem weltweiten „Prime Day“ und „den besten Angeboten, die es je gab“. Die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen moniert allerdings, dies gelte nur für Prime-Kunden, die ein Jahresabonnement für 49 Euro abgeschlossen haben.

Amazon lässt sich feiern
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Im hauseigenen Blog präsentiert das Unternehmen dazu fröhliche Mitarbeiter. Amazon sieht sich als „fairer und verantwortungsvoller Arbeitgeber“.

Verdi veranstaltet Aktionstag
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Verdi druckte dagegen rund 5.000 Protest-T-Shirts und verteilte bis Mittag rund 3000 an Gewerkschaftsmitglieder im Unternehmen, wie ein Sprecher sagte. In der Frühschicht seien die Beschäftigten um 08.49 Uhr, in der Spätschicht um 16.01 Uhr aufgerufen gewesen, bei der Arbeit für eine symbolische Minute innezuhalten.

Arbeitsessen und Verlosung
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Amazon lobte am Mittwoch als Dankeschön für alle Mitarbeiter ein Arbeitsessen und Verlosungsaktionen an vielen Standorten aus.

Kein Tarifvertrag
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In den deutschen Amazon-Versandzentren wird seit April 2013 immer wieder gestreikt. Verdi will für die Beschäftigten Verträge nach den Konditionen des Einzel- und Versandhandels durchsetzen. Der US-Konzern weigert sich aber bislang, einen Tarifvertrag für seine Mitarbeiter in Deutschland auszuhandeln.

Aufstiegschancen
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Amazon erklärte am Mittwoch, der Konzern bezahle „am oberen Ende dessen, was für vergleichbare Tätigkeiten üblich ist“. Mitarbeiter verdienten nach zwei Jahren im Schnitt 2265 Euro im Monat inklusive Extras wie Weihnachtsgeld und Mitarbeiter-Aktien. Das Unternehmen kooperiere eng mit den Betriebsräten und schaffe Aufstiegschancen.

Vorwürfe der Gewerkschaft
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Verdi-Bundesvorstandsmitglied Stefanie Nutzenberger warf Amazon vor, „weltweit durch eine aggressiv gewerkschaftsfeindliche Haltung“ aufzufallen. In Deutschland organisierten sich Beschäftigte „mit viel Mut und Entschlossenheit“, lobte sie.

Amazon dagegen zeigt ausdauernd, dass der Konzern den Betrieb auch gegen Aktionen der wenigen organisierten Arbeitnehmer aufrecht erhalten kann. Deutschland-Chef Ralf Kleber lässt Proteste an sich abprallen und demonstriert seinerseits, dass ihm Betriebsfrieden und „Good Corporate Citizenship“ keine hohen Güter sind.

Das kann man machen. Anständiges Handeln sieht aber anders aus – gerade bei einem Weltmarktführer in niedrigen Lohngruppen.

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