Amazon
Billig um jeden Preis

Tägliche Kündigungsfristen, kurze Pausen, Leiharbeit: Der Händler Amazon geht nicht zimperlich mit seinen Mitarbeitern um, vor allem in arbeitsreichen Wochen wie der Weihnachtszeit. Nun bekommt der Konzern Gegenwind.
  • 51

Die Preise stimmen, die Auswahl ist groß und die Lieferzeit kurz. Alles läuft wie am Schnürchen. Und wenn Kunden das Smartphone nicht gefällt, der Drucker lahmt oder das Katzenklo klemmt, dann gehen die Sachen eben wieder retour. Das alles lieben die Kunden von Amazon. Es ist das größte Onlinekaufhaus der Welt. Der US-Konzern hat in Deutschland beim Internethandel sogar den großen Hamburger Versender Otto überholt. Der senkt gerade drastisch seine Preise, muss sparen, baut den Betrieb um und Arbeitsplätze ab. Amazon hingegen expandiert. In diesem Herbst eröffnete das Unternehmen zwei weitere Logistikzentren in Deutschland, um dem Ansturm im Weihnachtsgeschäft gewachsen zu sein.

Die Kehrseite des Erfolges: Im Inneren der gigantischen Warenumschlagmaschine herrscht enormer Druck. Die Technik gibt den Takt vor, eine spezielle Software weist den Pickern den Weg durch die riesigen Hallen. Picker sind jene Lagerarbeiter, die die Smartphones, Drucker oder Katzenklos aus den Regalen picken. Sie legen leicht 20 Kilometer und mehr am Tag zurück. Ist jemand nicht schnell genug, wird er zum Gespräch zitiert. Wer sich auch dadurch nicht ausreichend beschleunigen lässt, dem droht eine Abmahnung.

Außer den Pickern gibt es die Packer, die mit der immer gleichen Bewegung die Waren versandfertig machen. Das System teilt ihnen die passenden Kartons zu. Die Arbeitsschritte sind standardisiert und auf Effizienz getrimmt. Wer dem Druck nicht standhält, muss damit rechnen, schneller draußen zu sein, als er reingekommen ist.

Jeff Bezos, der geniale Gründer von Amazon, gilt als Perfektionist. Menschen und Maschinen müssen funktionieren, damit seine Strategie aufgeht: Bezos will billiger und besser sein als seine Konkurrenten. Das aber gelingt nur, wenn Amazon so flexibel wie möglich agieren kann, vor allem im Umgang mit den Beschäftigten. Auch Bürgermeister und Wirtschaftsminister bekommen die Dominanz des Konzerns zu spüren, wenn dessen Manager - wie derzeit wieder - auf der Suche nach einem neuen Standort sind.

Franziska Schmiedt (Name geändert) freut sich sehr, endlich wieder Arbeit gefunden zu haben. Zwar nur befristet, aber immerhin. Allerdings staunte sie nicht schlecht, als sie ihren Arbeitsvertrag bekam: Darin ist geregelt, dass die Kündigungsfrist lediglich einen Tag beträgt.

Hire and fire in Deutschland? In der Tat: Wenn ein Arbeitnehmer als vorübergehende Aushilfe für maximal drei Monate eingestellt wird, kann er auch hierzulande von heute auf morgen entlassen werden. Darf der Arbeitnehmer länger bleiben und schließt sich dann noch eine sechsmonatige Probezeit an, verlängert sich die Kündigungsfrist zwar auf 14 Tage. Für den Konzern aber bedeutet diese Konstruktion, dass er neun Monate lang seine Mitarbeiter ohne Angabe von Gründen ganz leicht wieder loswerden kann.

Die Arbeitsagenturen muss ein solches Gebaren nicht interessieren. Sie sind froh um jeden, der aus ihrer Statistik verschwindet. So auch in Nordrhein-Westfalen, wo Amazon zwei Warenlager betreibt. Die Vermittler kamen dem Unternehmen sogar mit einer speziellen Förderung entgegen: den sogenannten Maßnahmen beim Arbeitgeber, im Amtsdeutsch kurz MAGs genannt.

Eine solche MAG dauert in der Regel zwei Wochen und hat für den Arbeitgeber den Vorteil, dass er in dieser Zeit die Personalkosten spart. Die vom Amt geschickten Arbeitslosen erhalten ihre Leistungen weiterhin von der Behörde. Das Unternehmen kann dann am Ende entscheiden, ob es den Bewerber einstellt - oder auch nicht. Amazon konnte davon im vergangenen Jahr in fast 3000 Fällen profitieren. Das geht aus einer Unterrichtung der Bundesagentur für Arbeit an den Ausschuss für Arbeit und Soziales des Deutschen Bundestages hervor.

70 bis 90 Prozent der Probearbeiter seien in NRW übernommen worden, heißt es bei der Arbeitsagentur. Viele aber nur befristet und manchmal nur für wenige Wochen. Für viele war spätestens Ende Januar Schluss, als das Weihnachtsgeschäft verebbt war. Zwei Drittel aller Beschäftigten sollen bei Amazon nur befristet beschäftigt sein. Genaue Zahlen darüber gibt das Unternehmen nicht preis.

Die arbeitgeberfreundliche Praxis der Behörde erregte viel Kritik. Auch Nordrhein-Westfalens Arbeitsminister Guntram Schneider war empört. So vermochte er nicht einzusehen, dass hier eine „öffentliche Förderung stattfindet, die in vielen Fällen keinen nachhaltigen Erfolg aufweist“. Er warnt vor allem vor den Mitnahmeeffekten, also davor, dass besonders dreiste Arbeitgeber dieses Instrument womöglich missbrauchen. Damit trifft er ins Schwarze. In der Tat zeigen sich auch die Chefs anderer Unternehmen irritiert. Zwar will sich niemand dazu öffentlich äußern. Aber alle beklagen den unfairen Wettbewerb. Dadurch seien langfristig gesicherte Arbeitsplätze für gute und qualifizierte Leute bedroht.

Die regionale Arbeitsbehörde schweigt indes. Eine Anfrage Ende Oktober bei der Arbeitsagentur in Nordrhein-Westfalen, wie viele dieser MAGs in diesem Jahr wieder genehmigt werden, läuft ins Leere. Eine Antwort kommt stattdessen aus der Zentrale in Nürnberg: „Zahlen gibt es nicht.“

Und was geschieht in Koblenz und Pforzheim? Dort startete Amazon erst vor wenigen Wochen mit dem Betrieb neuer Logistikzentren. Jeweils 1000 Menschen sollen dort langfristig eine unbefristete Stelle bekommen, hat das Unternehmen den Bürgermeistern versprochen. Und zur Hochsaison, also um Weihnachten herum, sind an beiden Standorten nochmals 2000 befristete Saisonkräfte vorgesehen. Nach der harschen Kritik halten sich einige Arbeitsagenturen und Jobcenter offensichtlich mit ihren großzügigen Zusagen an Amazon zurück. Aus Koblenz und Pforzheim verlautet jedenfalls, dass die umstrittenen MAGs, wenn überhaupt, nur noch in Einzelfällen genehmigt würden.

Für Amazon drängt die Zeit. Je näher das Weihnachtsfest rückt, umso mehr Picker und Packer braucht das Unternehmen. Zwei Millionen Artikel verließen im vergangenen Jahr die Warenlager - an einem einzigen Tag, genauer: am 19. Dezember 2011. 660 Lastwagen schickte Amazon an diesem Tag auf die Straßen. Das war Rekord. Und um den zu bewältigen, müssen alle sieben Logistikzentren personell gewaltig aufgebläht werden. Wie schon in den vergangenen Jahren will der Konzern mindestens 10000 Menschen zusätzlich beschäftigen, aber eben nur für ein paar Wochen. Doch jede Flexibilität hat ihre Grenzen. Deshalb ändert Amazon jetzt die Strategie.

Leiharbeiter kamen bislang nur in Ausnahmefällen zum Einsatz. In diesem Jahr aber ist das anders. Bundesweit und im benachbarten Ausland suchen Zeitarbeitsfirmen mindestens 4000 Mitarbeiter, unter anderem für das Logistikzentrum in Graben bei Augsburg, wo es im vergangenen Jahr noch jede Menge Ärger gab. In ihrer Not wandten sich Amazon-Mitarbeiter sogar an die Kirche. Irgendwann wurde es Erwin Helmer zu bunt. Der Präses der Katholischen Arbeitnehmerbewegung (KAB) und Leiter der Betriebsseelsorgen verfasste einen offenen Brief an die örtliche Geschäftsführung von Amazon. Es gebe „beunruhigende Berichte von Arbeitnehmern“, ließ er sie darin wissen. Heute sagt er: „Man kann ja verstehen, dass vor Weihnachten viel los ist, aber es ist schon extrem, was die Menschen berichtet haben.“ Manche hätten sogar monatelang keinen Lohn erhalten.

Offensichtlich war die Personalabteilung angesichts der anschwellenden Zahl von Mitarbeitern schlicht überfordert. Das allerdings passt nicht zum Perfektionismus, den das Management ansonsten an den Tag legt. „Ich erwarte von einem seriösen Kaufmann, dass er weiß, wie viele Ressourcen er in der Personalabteilung braucht“, sagt Thomas Gürlebeck von ver.di. Der Kommentar von Amazon dazu: „Es ist unsere oberste Priorität, unseren Mitarbeitern ihre Gehälter immer rechtzeitig zu zahlen. Sollte es aus irgendeinem Grund zu Verzögerungen bei der Gehaltszahlung kommen, so arbeiten wir unverzüglich und schnell daran, dies zu korrigieren.“

In einem speziellen Internet-Blog von ver.di können die Beschäftigten ihre Sorgen und Nöte austauschen. Initiiert hat ihn Heiner Reimann. "Es zeigte sich, dass die meisten unter enormem Leistungsdruck stehen", sagt der Gewerkschafter. Und vor allem dort, wo es keine Betriebsräte gebe, mangele es nicht selten an Respekt gegenüber den Mitarbeitern. So würden etwa Überstunden oder Sonntagsarbeit oft kurzfristig angeordnet. „Wir haben kein Privatleben mehr“, beschwert sich etwa der Ehemann einer Packerin. Sein Hilferuf: „Wer hat Arbeit für meine Frau, die menschenwürdiger ist?“ Ralf Kleber, Amazons Geschäftsführer in Deutschland, sagt zu den Klagen: „Die direkte Kommunikation mit unseren Mitarbeitern ist uns sehr wichtig - auch wenn etwas mal nicht passt.“ Viele Veränderungen seien in Zusammenarbeit mit den Mitarbeitervertretungen an allen Standorten entwickelt worden.

In manchen Zentren arbeiten zeitweise so viele Menschen für das Unternehmen, dass es sogar schwierig wird, alle unterzubringen. Entsetzt reagierten die Einwohner des 200-Seelendorfs Niederthalhausen, als im vergangenen Jahr das Gerücht die Runde machte, Amazon wolle am Ortsrand ein Container-Camp für 800 osteuropäische Saisonkräfte errichten, um sie täglich in die beiden Logistikzentren nach Bad Hersfeld zu karren. Das Camp kam nicht, die rund 4000 zusätzlichen Arbeitskräfte konnten schließlich in Feriendörfern untergebracht werden. Selbst Bürgermeister schalteten sich in die Suche nach Quartieren für Gastarbeiter ein.

Auch in diesem Jahr scheint die Wohnungsnot groß. Drei Leiharbeiterinnen aus Polen berichteten Gewerkschafter Reimann jüngst, dass sich angeblich sieben Frauen und vier Männer eine normale Drei-Zimmer-Wohnung teilen. Jeder davon soll sieben Euro am Tag zahlen, also 210 Euro im Monat. Das würde bedeuten, dass der Vermieter insgesamt 2310 Euro für die Wohnung kassiert. Sie wurde angeblich von der Zeitarbeitsfirma Persoserve vermittelt. Eine Stellungnahme dazu war von dem Unternehmen nicht zu erhalten.

Trotz alledem: Wenn Amazon-Geschäftsführer Ralf Kleber und seine Kollegen einen neuen Standort sondieren, bricht bei Bürgermeistern, Landräten und Arbeitsamtchefs gemeinhin Euphorie und Hektik aus. Der Verkauf des Grundstücks spült in der Regel viel Geld in die Gemeindekasse. Und dann ist da noch die Hoffnung auf einen potenten Steuerzahler. Was aber vor allem zählt: Die Statistik der Arbeitsämter wird schöner - im Fall der Probejobs namens MAG zumindest zeitweise. Voll des Lobes war etwa Landrat Alexander Saftig in Koblenz: »Ein so großer Akteur verlangt natürlich nach optimalen Rahmenbedingungen, sonst geht er woanders hin. Die Vorarbeit muss auf den Punkt sitzen. Da haben unsere Wirtschaftsförderung und die Bauabteilung wirklich ganze Arbeit geleistet. Das wird dem Arbeitsmarkt der Region einen Schub geben«, ließ er die lokale Presse wissen. Mit der motivierten Kooperation der Jobvermittler kann Amazon immer rechnen. Der Konzern ist es gewohnt, dass die Ämter spezielle Stäbe bilden, die ihm bei der Personalbeschaffung behilflich sind. In Koblenz sichten sechs Angestellte der Behörde seit Monaten Bewerbungsunterlagen.

In Graben bei Augsburg kam man Amazon mit einer ganz besonderen Investition entgegen. Vor dem Betriebsgelände wurde extra eine Haltestelle der Bahn zugesagt. Seit Kurzem ist es so weit: Die Züge stoppen quasi vorm Firmentor, der Fahrplan ist mit Amazon abgestimmt. Gekostet hat das Ganze 1,1 Millionen Euro. Den größten Teil der Summe brachten Bund und Bahn auf. Selbst die Gemeinde Graben schoss 50000 Euro zu. Amazon selbst hat hingegen keinen Cent dazu bezahlt. Der Haltepunkt war Bedingung für die Ansiedelung, wie Bayerns Wirtschaftsminister Martin Zeil freimütig zugibt.

Doch die forsche Art des Managements kommt nicht mehr überall an. Zunächst waren die zuständigen Damen und Herren in Hannover ebenfalls elektrisiert, als sich andeutete, dass sich das berühmte Onlinewarenhaus womöglich in der Landeshauptstadt niederlassen will. Das passende Grundstück war schnell gefunden, doch dann zog sich die Sache hin.

Statt nur Forderungen von Amazon entgegen- und Fristen zur Kenntnis zu nehmen, wagten es die Stadträte, eigene Wünsche zu formulieren. So sollte der Konzern beispielsweise nicht nur locker zusagen, bis 2015 rund 1000 langfristige Arbeitsplätze zu schaffen, sondern sich dazu verpflichten. Und als sich dann noch eine Bürgerinitiative gründete, die sich Sorgen um das Verkehrsaufkommen machte und genauer informiert werden wollte, war das dem Management offensichtlich zu viel. Jedenfalls machte es sich für seine kommunalen Verhandlungspartner rar, war scheinbar unentschlossen. Nichts ging mehr voran. Mitte dieses Jahres holte sich Amazon schließlich einen Korb. Es fand sich nämlich ein anderer Investor, der mit den Wünschen von Kommune und Bürgerinitiative keine Probleme hat.

Ungewohnte Aufmüpfigkeit muss Ralf Kleber auch in seiner Belegschaft registrieren. Dazu tragen unter anderem Neuerungen wie diese bei: Auf den Handscannern der Picker wurde jüngst ein Countdown installiert, der im Sekundentakt herunterzählt, wie viel Zeit sie von einem Pick zum nächsten brauchen. Ziel sei nicht die Kontrolle von Mitarbeitern, so eine Sprecherin des Konzerns, sondern die Qualitätssicherung, um die Bestellungen schnell und zuverlässig zu liefern.

Gegen einen Pausenklau gab es bereits erste Proteste. Der entsteht dann, wenn sich Picker und Packer auf den meist langen Marsch zum Pausenraum begeben. Denn die Hallen sind riesig: Jede misst etwa 17 Fußballfelder. Außerdem müssen die Mitarbeiter eine Schleuse zur Kontrolle passieren. Das kostet spürbar Zeit, die die Pause verkürzt. Damit soll Schluss sein, fordern die Mitarbeiter.

In Bad Hersfeld und in Leipzig gibt es bereits Betriebsräte, die ein Netzwerk geschaffen haben, in dem sich alle Interessierten informieren können. „Allerdings haben viele Menschen noch große Angst, ihren Arbeitsplatz zu verlieren, wenn sie sich engagieren“, sagt Lothar Bruns, Vorsitzender der Arbeitnehmervertreter in Bad Hersfeld. Trotzdem sieht es ganz so aus, als wenn es demnächst auch in anderen Logistikzentren Betriebsräte geben wird.

Kürzlich hat Ralf Kleber überraschende Post erhalten. Eine Tarifkommission von ver.di fordert ihn darin auf, Verhandlungen zu einem Tarifvertrag aufzunehmen. Immerhin wurde die Gewerkschaft vergangene Woche zu einem informellen Gespräch gebeten. Ver.di-Mann Heiner Reimann hofft, dass es darüber hinaus noch „zu ernsthaften Verhandlungen kommen wird“. Klingt diplomatisch. Dann aber rutscht ihm noch ein lästerliches Kompliment heraus: „Ich kenne kein Unternehmen, das so sorgsam und innovativ ist. Bislang leider nur im Umgang mit Waren.“

 

Kommentare zu " Amazon: Billig um jeden Preis"

Alle Kommentare
  • Hallo @ geht mir auch so,

    Mit Textilien waren wir immer schon heikel. Mein Mann hat den Niedergang der Textilindustrie noch hautnah als Betriebsrat mit erlebt.

    Leider kommt man auch als kritischer Kunde diesem Globalisierungswahn nicht mehr so einfach aus. Mir scheint, vermehrt fehlt sogar jedes „made in“-Etikett an Textilien? Außerdem wird das „made in“ eh mehr als großzügig ausgelegt. Was der Kunde nicht weiß / wissen darf, kann er schwer meiden.

    Das höchste, was mir bisher unterkam: „designed in Germany, made in Bangladesh“. Erste Worte groß und deutlich, „made in“ dafür winzig klein, weit darunter. Markenlabel, und kein billiges. Auch ein höherer Preis sichert absolut keine besseren Qualitäten mehr.

    Ich vertrage (und mag) keine Kunstfasern in den Klamotten. Egal wie die sich nennen, egal wie viel davon. Baumwolle muss gerade relativ teuer sein, daher z. Zt. vermehrt Kunstfaser überall? Erschwert mir den Einkauf, verzichte ich darauf. Behalte lieber meine alten Klamotten. Die haben noch haltbare Nähte, richtige Knöpfe, solide eingekettelte Knopflöcher, waschbares Garn, ohne sich aufzulösen. Keinen Stoff-knausernden, daher oft leicht schrägen Zuschnitt, kein Elasthan damit man nicht so exakt auf Größe arbeiten muss? Oder dehnt sich das Zeug mit uns, damit wir uns das Fast-Food unbemerkter reinziehen können? Um dann den JoJo-Effekt mit der nächsten, teuren Diät an zu kurbeln?

    Als Kunde droht doch inzwischen ein regelrechter Hindernislauf beim Einkauf: Ohren-schädigende Werbebeschallung, schreiende Plakatierung (SALE wenn ich schon lese, brr..), evtl. (so es sie noch gibt) aufdringliche Verkäufer (die mit Umsatzbeteiligung ihr eher dürftiges Gehalt aufstocken müssen). Ob ich heute trotzdem einmal über die Strecke komme, ohne mich manipuliert oder übelst über den Tisch gezogen fühlen zu müssen?

    Haben heuer 5 x entspannende Theater- und Konzertkarten im Weihnachts-Programm :-)

  • @ holyowly,

    das mit den Ladengeschäften kommt erst langsam wieder. Jedenfalls bei uns in der ländlichen Gegend. In den Städten treten sich demnächst die Marken-Artikler gegenseitig auf die Füße, so viele neue Einkaufszentren, die dort entstehen sollen :-). Bei den Gewerbemieten dort zocken die Immobilien-Bereicherer mehr als reichlich ab. Inhaber geführte Läden können sich diese Mieten in den Städten inzwischen meistens gar nicht mehr leisten.

    Insofern finde sich, sind eigene Web-Shops eine gute Alternative. Wenn da diese per Gesetz zugelassenen / geduldeten Abmahn-Risiken nicht lauerten.

    Ich jedenfalls habe eBay nach 10 nur positiven Jahren als Käufer, nach der neu geplanten Zahlungsabwicklung (noch 2 zusätzliche Mitverdiener an EINEM Geschäft), nachhaltig Tschüß gesagt. Die Bewertungen dort sind noch halbwegs verwertbar, wenn man sich einen Verkäufer außerhalb von eBay sucht. 5 alte Lieferanten, 3 neue habe ich inzwischen so im eigenen Shop wiedergefunden. Die neuen: sehr nette, kundenfreundliche Kontakte, prompte Lieferung, nix zu mäkeln. Shops sind inzwischen auch außerhalb von eBay bewertbar, oft genug sogar für den Endkunden nachvollziehbarer als auf eBay (Auftrags-gebunden). Wenn diese Händler klug sind, läuft der Shop ohne eBay-Gebühren, die dort an den Endkunden weitergegeben wurden / aufgrund der Höhe werden mussten. eBay wird nur noch für Großhändler taugen, so wie ich deren erklärten Willen verstehe. Das Risiko der Vorauskasse trug ich auf eBay auch, weil ich partout nicht auch noch PayPal mit durchfüttern wollte.

    Das ehrenwerte Amazon hat mir einmal am Versandtag abgebucht, ehe die Ware im Hause sein konnte. Darunter verstehe ich dann Vorauskasse, nicht Lastschriftverfahren. Vorauskasse wird von vielen Online-Händlern mit hübschem Skonto für den Kunden verzinst. Und Kunden, die einige Male pünktlich bezahlen, werden meist auch mit Lieferung auf Rechnung belohnt. Finde ich fair, mache ich (bis zu einer bestimmten Summe) auch mit.

  • @Sylvia: geht mir auch so!
    Irgendwie verliert man die Lust am Konsum. Wenn ich C&A sehe, dann sehe ich irgendwelche erschöpften Näherinnen vor meinem geistigen Auge. H&M, Amazon etc. irgendwie beginnt sich immer mehr ein Widerstand zu bilden, der sich direkt auf den Konsum niederschlägt.
    Geht vielen Leuten, die ich kenne, auch so. Wenn ich gefragt werde, was willst du, dann bevorzuge ich ein Konzert oder eine Aktivität, mit Freunden oder Familie.

    Das Konsumverhalten vieler Leute beginnt sich deutlich zu ändern, weil es einfach zuviele dieser Ausbeuterbetriebe gibt. Alternativen dazu sind deutlich der Trend der Zukunft. Wie zB die Schneiderin/Modedesignerin, die hier 300 m weg wohnt und individuelle Stücke macht zu einem etwas teureren Preis, aber dafür ist es geschmackvoll individuell und nicht in jeder europäischen Kleinstadt zu kaufen.

  • @ Hermann.Bohle,

    "Deren Erzeugnis meide ich seitdem und bis heute."

    Beim ehemals ins Gerede gekommenem Kalbfleisch halte ich den Streik seit gut 30 Jahren durch. Das war noch einfach, schmeckte mir eh weniger. Andere Produkte folgten. Aber ... langsam wird das Einkaufen doch recht anstrengend, so als nur relativ gut informierte, etwas kritischere Einkäuferin. Die NICHT den billigsten Lieferanten, das billigste Produkt immer für das Beste hält.

    In letzter Zeit fällt mir zusätzlich auf, dass ich zunehmend "Marken", speziell Global-Player-Produkte, als preislich völlig überzogen und abgehoben empfinde. Von Einkaufsfreude meinerseits kann da inzwischen tatsächlich immer weniger die Rede sein. Wenn ich wenigstens erwarten könnte, dass ich für mehr Geld auch bessere Ware bekäme. Njet, nix mehr, eher steigen die Dividenden mit den Verkaufspreisen.

    Außerdem schlägt mir vermehrt auf's Gemüt, wie viele Stationen sich inzwischen an EINEM Stück Ware ihr möglichst leistungsloses Einkommen zu sichern belieben. Mit meinem, dem EINEM, von mir ganz real zu erarbeitendem Endverkaufs-Preis! Der wirkliche Hersteller, der letztendliche Dienstleister (an den eine Delegation der Delegation delegiert wird) erhält a) immer weniger vom Kuchen und ist b) an tunlichst allen Reklamationen schuld. Wenn man nicht umgehend gleich von der Unfähigkeit der Kunden spricht, ein ach so solides Produkt entsprechend einem rohen Ei zu handeln.

    Das wäre bei mir jetzt ein lukratives Feld für das zunehmend aggressiver werdende "Marketing". Allerdings, auch dagegen soll ein, - inzwischen zum nackten Konsumenten degradierter KUNDE, - der jegliches Vertrauen verloren hat, noch nachhaltige Resistenzen entwickeln können ;-) ...

    Aus meiner Sicht: ich sehe tiefschwarz für so manches sich immer größer fressendes, visionäres, innen hohles "Geschäftsmodell". Weil es dabei den noch zahlen sollenden KUNDEN völlig aus den Augen verliert.

  • Wenn Angebot und Nachfrage den Preis bestimmen würden, dann dürfte in den Wirtscaftsmedien auch die Fachkräftelüge nicht weiter verbreitet werden. Denn es gibt Fachkräfte zu einem angemessenem Preis. Alles andere ist Gejammere und hat hier nichts zu suchen!

  • ....und immer schön auf dem Rücken der Schwächsten, den Preiskampf ausfechten, so wie bei anderen Unternehmen auch.

    Aber es gibt immer zwei die daran beteiligt sind, einer der es macht und ein andere der es mit sich machen lässt.

    So lange keiner seine Verantwortung übernimmt wird es wohl ewig so weiter gehen, da hilft auch kein Jammern.

  • Jeder kriegt was er verdient.
    Naivität ablegen und mit Amazon "hart" verhandeln.
    Amazon ist auf Leute angewiesen. Ohne geht es nicht... das ist ein Ansatzpunkt.
    Angst ablegen und sich zusammentun.
    Eigene Gewohnheiten hinterfragen: Wann habe ich mich ehrenamtlich für etwas größeres eingesetzt und wann saß ich bequem in meiner Komfortzone.
    Der Schwachpunt sovieler Deutscher ist doch, dass sie mutlos sind. Und die eigene Bequemlichkeit wird damit erkauft, dass man sich andernorts versklaven lässt.
    Druck vom Arbeitsamt... Arbeitsämter braucht man nicht. Weder deren monetäre Leistungen noch deren Auflagen.
    Warum stiftet einer der rausfliegt nicht andere an etwas zu ändern? Warum hängt man lieber vor der Glotze oder kümmert sich um den nächsten Konsumwunsch?
    Industrien und deren Zweck hinterfragen... Thoreau lesen...etwas wagen. Revolution fängt im kleinen an.

    Tröstlich ist: Ist der Leidendruck endlich groß genug... wird etwas passieren. Glaubt mir. Gewohnheiten kann man in drei Wochen ändern.

    Kaleu (verzichtet gerade den 5. Tag auf Schokolade und fühlt sich seit drei brutalen Tagen...nun schon sehr viel freier und voller Energie...!)

  • @ Weihnachten,

    "Dann zahle ich halt ein bisschen mehr"

    Solange Sie sich das leisten können. Wer mit Geld seit mindestens 10 Jahren immer knapper gehalten wird, KANN oft nur noch billig(st) kaufen. So er überhaupt noch Bock auf Kaufen hat bzw. haben wird demnächst ...

    Wobei teurer kaufen heutzutage ja nicht einmal mehr sagt, dass man da etwa bessere Qualität dafür bekäme.

    Klar, nun tut sich für den Binnenmarkt ein ganz, ganz tiefer Graben auf. Wer Personal vorhält für echten Service (der in unserer Finanz-AG eh schon im tiefsten Koma liegt) KANN diesen allseits staats-gepäppelten Giganten schwerlich Paroli bieten, gar dafür unter seinen Realkosten verkaufen (müssen). Das geht idR. nicht lange gut, dann droht Realwirtschaftlern die ganz reale, ehrlich verdiente Pleite.

    Die Konsumenten, die noch Geld verdienen (dürfen!), wären m. M. gut beraten, als zahlende Kunden JETZT endlich angemessen zu reagieren. Ehe sich die Geiz-ist-geil-Misere bei den Löhnen, - mit reger Unterstützung von Staat, Gemeinden und Gewerkschaften, - auch zu ihren eigenen, evtl. noch relativ gut dotierten Arbeitsplätzen durch zu fressen beginnt.

    Ich verzichte auch seit Monaten auf die "vertrauensvolle Zusammenarbeit" mit Amazon und eBay. Das geht. Ware, die ich heute bestelle, brauche ich ja nicht gestern im Haus. So viel Planung traue ich mir glatt noch zu. Jedenfalls halte ich das so, solange ich mir diesen "Luxus" einer freien Wahl noch leisten kann. Wer per Rechnung bezahlt, geht damit ja auch kein Risiko ein. Alternativ Abbuchung zuverlässig NACH Wareneingang.

    Ansonsten verärgert mich die Lage inzwischen so, dass ich auf Konsum immer mehr verzichte. Etwas schenken, das tu' ich halt noch zu gerne. Aus verärgertem, vertieftem Trotz ist aber auch das abstellbar, keine Frage.

    Volkswirtschaftlich betrachtet ist mir diese derzeitige Art des "Wirtschaftens", - mit all den negativen Folgen für uns laufend zwangsverhaftete Staatsbürgen, - viel zu teuer geworden. => Abschreiben, basta!

  • Es ist der Konsument, der so etwas zulässt. Hier wird über das böse Amazon geschimpft, aber auch dort kann man bei kleinen Händlern kaufen, die auch selbst versenden. Jeder von uns hat die Möglichkeit die Monopolisten zu meiden und den Einzelhandel zu stärken. Das trifft auch auch Einkäufe bei eBay zu. Dort verkaufen im Normalfall kleinere Händler, die evtl. auch vor Ort einen Laden haben. DIESE Leute sollten unterstützt werden, aber neee - das wird nicht gemacht.

    Lediglich Lippenbekenntnisse sind die Beschwerden hier. Wenn ich zur Post gehe, dann sehe ich was ich davon zu halten habe: Berge von Rücksendungspaketen zu Amazon und Zalando, aber...wo kommen die denn her, wenn da gar keiner kauft???

  • Ich habe soeben mein AMAZON-Konto anulliert. Bei "Sowas" kauft man nicht. Vor Jahrzehnten ging die Information durch die Presse, ein deutscher Hersteller von Kaffeemschinen-Filtern behandle die Mitarbeiter schlecht. Deren Erzeugnis meide ich seitdem und bis heute. Wenn im AMAZON-Fall möglichst viele es mir nachmachten, wäre das wunderbar. Auch für APPLE-Ware, eventuell produziert in Chinas Gefängnissen, zahle ich keinen Cent. Die Menge der Beispiele lässt sich mühelos verlängern, etwa nach dem entsetzlichen Brand in der Textilfabrik in Bangladesch. Käufer im Kapitalismus, vereinigt Euch - ruft NEIN, STORNIERT und sortiert! Es gibt auch Firmen, die es verdienen, dass wir ihre Kunden sind oder werden. Denn nicht der Kapitalismus ist schlecht - nur der Missbrauch, seine Profiteure gehören endlich an die Kandare des Staates und an die Pranger der Welt. Die Sozialmarktwirtschaftler der Freiburger Schule wissen das seit eh und je. EUCKEN gehört auf jeden Weihnachtsgabentisch. Bitte in Kurzfassung. Um Missverständnisse zu vermeiden. Ich bin kein später Bolschewik, sondern CDU-Mitglied seit Jahrzehnten. Trotzdem sei daran erinnert: LENIN schrieb 1917 (sinngemäss, gekürzt zitiert): Das beste Ruhekissen für alle Missbrauchsünder des Kapitalismus sei das demokratische System. Wie die 800 Mio. € für den deutschen Insolvenzverwalter der Lehman-Tochter (HB v. heute) zeigen, stimmt das immer noch. Die Leninlektüre sei den Damen und Herren des Deutschen Bundestags empfohlen, sofern sie noch die Soziale Marktwirtschaft wollen. Wenn es so weiter geht werden wir die auch noch los, und das wäre bedauerlich. "Die Leute" fangen an, es "satt" zu sein.

Serviceangebote