Analyse
Aldi: Hilfe aus Berlin

Selbst wenn die neue Bundesregierung ernst macht und die Dumpingpreise der Discounter verbietet, könnte Berlin ungewollt dem Branchenprimus Aldi zu neuem Umsatzwachstum verhelfen. Das liegt an der geplanten Erhöhung der Mehrwertsteuer, die die Koalitionspartner derzeit diskutieren.

Schon bei der Einführung des Euro 2002 hatte Aldi gepunktet, weil seine traditionell mit Dauerangeboten arbeitenden Filialen die Preise unangetastet ließen. Dasselbe könnte sich nun bei einer Anhebung der Mehrwertsteuer wiederholen – zumal für Aldi wenig auf dem Spiel steht. Wie aus Berlin zu hören ist, werden Lebensmittel womöglich vom Nachschlag des Fiskus’ ausgenommen. Preisaufschläge müsste der Discounter dann nur bei seiner Nonfood-Saisonware durchsetzen, was die Kunden wegen mangelnder Vergleichbarkeit aber kaum registrieren würden.

Dagegen dürfte sich Absicht von Schwarzrot, den Verkauf unter Einstandspreis generell zu untersagen, als stumpfes Schwert erweisen. Wegen der zahlreichen Listungsrabatte, Boni und Werbekostenzuschüsse der Industrie lassen sich die tatsächlichen Einstandpreise des Handels in der Praxis kaum ermitteln. Entsprechend gering ist vermutlich die Furcht des mächtigen Discounters vor einem verschärften Kartellgesetz.

Eine Umsatzbelebung käme Aldi durchaus gelegen. Wie das Nürnberger Marktforschungsinstitut GfK berichtet, verlor der Discount-König im ersten Halbjahr 2005 vier Prozent seines Umsatzes in Deutschland. Nicht nur rückläufige Umsätze mit Billigcomputern belasteten das Geschäft. Auch im Kerngeschäft Lebensmittel sanken die Erlöse um 0,4 Prozent.

Aldi reagiert ziemlich hektisch. Um das Sortiment attraktiver zu machen, stellten die Discounter Ende September Markenartikel wie Ferrero Küsschen, Rocher und Balisto neben ihre margenstarken Eigenmarken in die Regale. Und nicht nur bei Obst und Gemüse eiferte der Marktführer dem Verfolger Lidl nach. Ab dem zweiten Quartal 2006 will Aldi Süd in sämtlichen Filialen frisches Fleisch anbieten. Das einst spartanische Sortiment haben die Albrecht-Brüder auf 1 600 Artikel verdoppelt. Nach jahrzehntelanger Weigerung gestatten sie ihren Kunden sogar seit neuestem die Bezahlung per EC-Karte.

Die Suche nach neuen Einnahmequellen kennt offenbar keine Grenzen. Längst verkaufen die Billigläden, die der Verzicht auf Schnickschnack bis 2003 rasant wachsen ließ, Flugtickets an der Kasse. Selbst die Vermittlung von Billigtarifen für Handys soll Aldi zuletzt geprüft haben. Weil inzwischen 93 Prozent aller Bundesbürger laut einer KPMG-Studie einen Aldi-Markt in erreichbarer Nähe haben, können die Filialen bald nur noch qualitativ wachsen – sprich: höherwertige Angebote sollen auch besserverdienende Kunden ansprechen.

Doch die Aufwertung des Sortiments, der zusätzliche Service und auch die Modernisierung des Filialnetzes haben ihre Tücken. Entfernt sich Aldi zu sehr von seinen Wurzeln, könnte womöglich ein Konkurrent in diese Lücke stoßen.

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