Anklage
Swissair-Köpfe müssen sich für Pleite verantworten

Vor fast fünf Jahren brach die Schweizer Traditionsfluglinie Swissair unter einem riesigen Schuldenberg zusammen. Das hat ein juristisches Nachspiel.

HB ZÜRICH. In einem einmaligen Fall der Schweizer Wirtschaftsgeschichte hat die Staatsanwaltschaft Zürich den gesamten Verwaltungsrat der 2001 zusammengebrochenen Fluggesellschaft Swissair angeklagt, insgesamt 19 Personen, wie die Staatsanwaltschaft Zürich am Freitag mitteilte. Betroffen sind neben den Verwaltungsräten auch Konzern- und Finanzchefs, die in den letzten Jahren der Fluggesellschaft im Amt waren. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen Gläubigerschädigung und ungetreue Geschäftsbesorgung vor.

Am 2. Oktober 2001 konnten die Flugzeuge der Swissair nicht mehr abheben, weil die Großbanken die Finanzmittel gestrichen hatten. Die Dachgesellschaft SAir-Group hatte einen Schuldenberg von 17 Mrd. Franken (heute 10 Mrd. Euro) angehäuft. Die mit Milliarden an Steuergeldern und Krediten neu aufgebaute Fluggesellschaft Swiss gehört jetzt zur deutschen Lufthansa.

Unter den angeklagten Mitgliedern des Aufsichtsgremiums befinden sich prominente Namen aus der Schweizer Wirtschaft wie Lukas Mühlemann, der ehemalige Chef der Grossbank Credit Suisse, und Thomas Schmidheiny, Mehrheitsaktionär des Zementkonzerns Holcim. Mit einem Prozess rechnen muss auch der letzte Swissair-Chef Mario Corti, der Finanzchef des Nahrungsmittelkonzerns Nestle gewesen war, bevor er zu Swissair wechselte. Angeklagt sind daneben auch Cortis Vorgänger Philippe Bruggisser und sein damaliger Finanzchef Georges Schorderet. Die beiden hatten der nationalen Fluggesellschaft in den 90er Jahren eine rasante Expansion verordnet, die im jahr 2001 schließlich zum Kollaps der Gruppe führte.

Dem Verwaltungsrat der Swissair wirft die Staatanwaltschaft unter anderem vor, sie habe die desolate Überschuldung der Swissair-Group mit einer zweifelhaften Bilanzsanierung bereinigen wollen. Corti hat nach Ansicht der Behörde zudem falsche Angaben gegenüber den Aktionären gemacht. Zum geforderten Strafmass wollten sich die Ankläger nicht äußern. Ungetreue Geschäftsbesorgung wird derzeit nach dem Schweizer Strafrecht mit Gefängnis von drei Tagen bis drei Jahren bestraft.

Alle Angeklagte wiesen die Vorwürfe zurück, so Oberstaatsanwalt Andreas Brunner. „Das Besondere an dem Fall ist, dass nicht eigentliche Wirtschaftskriminelle oder Betrüger zu Werke gingen, sondern Menschen, die den Untergang der Swissair verhindern wollten“, sagte er weiter. Da es sich um ein Strafverfahren handelt, muss die Staatsanwaltschaft nachweisen, dass die Beschuldigten vorsätzlich falsch gehandelt haben. Ob dies gelingt, dürfte im Prozess der entscheidende Punkt sein.

Die Aufarbeitung des 4000 Aktenordner füllenden Falles habe die Behörde an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit gebracht, sagte Oberstaatsanwalt Brunner, der damit indirekt auf den Vorwurf einging, die Behörde habe den Fall verschleppt. Es blieb unklar, wann mit dem Beginn des Verfahrens zu rechnen ist. Ab Mitte 2008 könnte eine Verjährung greifen.

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