Anton-Schlecker-Prozess

Zeuge gewährt Einblick in das Innenleben von Schlecker

Der Geschäftsführer einer Logistikfirma beschreibt als Zeuge die Drogeriemarktkette als von oben regierten Konzern. Anton Schlecker soll Geld an die Firma seiner Kinder verschoben haben. Es geht um Millionen.
Update: 03.04.2017 - 16:29 Uhr Kommentieren
Anton Schlecker (Bildmitte) wird vorgeworfen, Vermögenswerte an seine Frau Christa und an die Kinder verschoben zu haben. Quelle: dpa
Schlecker-Prozess

Anton Schlecker (Bildmitte) wird vorgeworfen, Vermögenswerte an seine Frau Christa und an die Kinder verschoben zu haben.

(Foto: dpa)

StuttgartEin erster Zeuge hat im Bankrottprozess gegen Anton Schlecker und seine Familie das Bild eines zentral durchregierten Konzerns gezeichnet. Vor dem Stuttgarter Landgericht sagte am Montag ein früherer Geschäftsführer der Logistikfirma LDG aus, die für den Schlecker-Konzern tätig war und den Schlecker-Kindern Meike und Lars gehörte. Er habe keinen tiefen Einblick in Zahlen bekommen und sei bei Plänen außen vor gewesen, so der Zeuge. Die Ankläger werfen Anton Schlecker vor, Geld an diese Firma und damit an seine Kinder verschoben zu haben, indem er zu hohe Rechnungen bezahlte.

Der Zeuge, ein ehemaliger Azubi der Drogeriemarktkette, wurde mit 25 Jahren Geschäftsführer der Firma. Er war nach eigener Darstellung für den Alltagsbetrieb in einem Logistiklager zuständig, etwa für die Einteilung von Personal. Nach außen hin trat er nicht als Firmenchef auf. „Ich hatte nicht wirklich eine Außenwirkung“, sagte der heute 31-Jährige. Als Geschäftsführer bekam er monatlich 5000 Euro brutto.

Eine Familie auf der Anklagebank
Prozessauftakt
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Es war eine der aufsehenerregendsten Firmenpleiten der vergangenen Jahre. 2012 musste die Drogeriemarkt-Kette von Anton Schlecker (Mitte) Insolvenz anmelden, mehr als 25.000 Mitarbeiter in Deutschland verloren ihren Job. Nun hat der Prozess gegen Anton Schlecker und seine Familie vor dem Landgericht Stuttgart begonnen.

Auf der Anklagebank
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Allein schon die Anwesenheit des Firmenpatriarchen (r.) ist eine kleine Sensation. Denn Schlecker meidet die Öffentlichkeit seit Jahrzehnten. Vor Gericht muss er allerdings persönlich erscheinen. „Nach der Strafprozessordnung muss grundsätzlich in Anwesenheit des Angeklagten verhandelt werden“, sagt eine Gerichtssprecherin.

Vorsätzlicher Bankrott?
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Die Staatsanwaltschaft wirft Anton Schlecker vorsätzlichen Bankrott vor. In insgesamt 36 Fällen soll er Vermögenswerte zur Seite geschafft zu haben, die eigentlich in die Insolvenzmasse gehörten, aus der Gläubiger bedient werden sollen. Außerdem soll er falsche Angaben in den Bilanzen des Drogerie-Imperiums gemacht haben.

Langer Prozess
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„Was den Fall ungewöhnlich macht, ist die Dimension“, sagt der Jura-Professor Matthias Jahn von der Universität Frankfurt. „Die Anklageschrift umfasst 270 Seiten.“ Das allein sei schon ein Indiz dafür, dass es sehr kompliziert sei. Auch die 26 Termine, die das Landgericht bis Oktober zunächst anberaumt hat, deuteten darauf hin, dass es ein komplexes Verfahren werde.

Anton Schlecker
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Der 72-Jährige ist der große Unbekannte. Selbst örtliche Politiker und Wirtschaftsvertreter haben kaum Kontakt zu ihm. Nach der Pleite soll sich Anton Schlecker auch von Vertrauten zurückgezogen haben. Nun zeigte er sich beim Prozessauftakt der Öffentlichkeit.

Anton Schlecker im Jahr 1999
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Der gelernte Metzgermeister eröffnete 1975 den ersten Schlecker-Markt. Bereits zwei Jahre später betrieb er schon mehr als 100 Filialen. Er baute ein Imperium auf und beschäftigte in Glanzzeiten mehr als 55.000 Menschen. Konkurrent Dirk Roßmann, der Schlecker und dessen Frau seit Jahren kennt, sagte jüngst in einem Beitrag des SWR: „Fleißig waren die beiden, unglaublich.“ Außerdem seien sie hilfsbereit und großzügig gegenüber Freunden.

Christa Schlecker
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Über Anton Schleckers Frau ist am wenigsten bekannt. Sie wird als „resolut“ beschrieben. Christa Schlecker galt als enge Vertraute Antons und soll zusammen mit ihm das berüchtigte Kontrollnetz über Mitarbeiter errichtet haben.

Die Rolle der LDG ist ein Knackpunkt in dem Verfahren. Auf dem Papier war es eine eigenständige Firma, die Logistikdienstleistungen für Schlecker erbracht hat. Laut der Zeugenaussage hatte die Firma aber kaum eigene Entscheidungsgewalt, so erledigte Schlecker deren Buchhaltung und erstellte den LDG-Geschäftsbericht. Selbst Einstellungen mussten demnach von Schlecker bewilligt werden.

Die 500-Mitarbeiter-Firma stellte Schlecker laut Gerichtsdokumenten einen Stundensatz zwischen 28,50 und 30 Euro in Rechnung. Damit machte das Unternehmen exorbitant hohe Gewinne mit einer Umsatzrendite von bis zu 45 Prozent – nach Lesart der Staatsanwaltschaft ist das ein Beleg, dass über die Firma Geld aus der „Anton Schlecker eK“ an die Schlecker-Kinder verschoben wurde.

Im Januar 2011 standen Gerichtsdokumenten zufolge Einnahmen von rund 2,5 Millionen Euro nur Kosten von 1,5 Millionen Euro gegenüber – was einen LDG-Betriebsgewinn von einer Million Euro ergab. Für 2011 sollen sich die Schlecker-Kinder noch sieben Millionen Euro ausgeschüttet haben. Im Januar musste Schlecker Insolvenz anmelden, später ging auch die LDG pleite. Sie hatte nur Schlecker als Kunden.

Nach der Insolvenzanmeldung im Januar 2012 senkte die LDG ihren Stundensatz auf 20 Euro und machte damit Dokumenten zufolge noch eine Umsatzrendite von neun Prozent im März 2012 – und das, obgleich der Umsatz nach der Schlecker-Insolvenzanmeldung einbrach. Nach Schätzung des Zeugen hätte ein Stundensatz von etwa 14,50 Euro ausgereicht, um die Kosten der LDG zu decken. Auf die Frage, ob ihm die Höhe der in Rechnung gestellten Kosten nicht gewundert habe, sagte der 31-Jährige: „So konkret habe ich mir darüber keine Gedanken gemacht, ich habe das so übernommen. [...] Es war ein laufendes System.“

  • dpa
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