Antwerpen
Brillanten aus dem Bahnhofsviertel

Das junge Paar ist mit der Billiglinie Ryanair eingeflogen. Die Haare noch etwas zerzaust, beide in Jeans und Parka, so nehmen sie in einem kleinen Büro im Bahnhofsviertel von Antwerpen Platz. Sogleich breitet ein jüdischer Händler in schwarzem Anzug und Kippa ein Sortiment lupenreiner Diamanten vor ihnen aus.

HB ANTWERPEN. Die jungen Leute sind aus Großbritannien gekommen, um sich hier einen Stein für den Verlobungsring zu kaufen. Ein paar tausend Pfund wollen sie dafür ausgeben, und hoffen, dass sie dabei nur halb so viel bezahlen wie im Juwelierladen zu Hause.

Am weltweit größten Umschlagplatz für Diamanten brummt das Geschäft, nicht nur weil bald Weihnachten ist und vermehrt Touristen den Weg nach Flandern finden. In dem schmucklosen, gerade mal einen Quadratkilometer großen Geschäftsviertel ist die Hausse ähnlich zu spüren wie auf allen anderen Rohstoffmärkten. Gleich, ob Händler sich gegenseitig säckeweise Rohdiamanten abkaufen oder teure Einzelstücke für Wohlhabende in den USA über den Tisch gehen. Die Preise für Diamanten sind in den vergangenen zwei Jahren stark gestiegen – im Schnitt um mehr als zwanzig Prozent.

Auf der Straße ein Gewimmel von Herren in dunklen Anzügen, häufig in orthodoxer jüdischer Kleidung, viele sind auch Inder oder aus Fernost. Diamanthändler und Bauern hätten immer zu jammern sagt man hier, doch zumindest die Diamantenhändler jammern zur Zeit auf sehr hohem Niveau. „Ich könnte derzeit täglich Steine im Wert von 500 000 Euro zusätzlich verkaufen, wenn ich nur die Ware bekäme“, sagt der hochgewachsene flämische Händler Rob van Beurden, in dessen Büro sich die jungen Leute eingefunden haben. So rasant ist in den vergangenen Jahren die Nachfrage gewachsen, dass besonders für die teuren Stücken die Anbieter ihre Preise kräftig anheben können. „Der Markt hat sich von einem Käufer- in einen Verkäufermarkt verwandelt“, sagt van Beurden und zeigt die Rapaport-Liste, in der Woche für Woche die neuesten Preise für geschliffene Steine stehen. Ein Einkaräter in Spitzenqualität, farblos, ohne Einschlüsse und in perfektem Rundschliff kostet demnach im Großhandel 18 100 Euro. „Vor zwei Jahren wäre er noch für 15 800 Euro zu haben gewesen“, sagt van Beurden.

Der Grund: Immer mehr Menschen können sich die wertvollen Stücke leisten. Statistiken des „Hoge Raad voor Diamant“ (HRD), der in Antwerpen 200 führende Diamantenfirmen vereint, zeigen, dass zuletzt vor allem der Export nach China und in die USA deutlich gestiegen ist. Nur zwei Prozent des Verkaufs gehen nach Deutschland, Tendenz sinkend. „Dort spielt der Diamant als Zeichen der Zuneigung keine so große Rolle“, sagt Goldschmied Stefan Salence, der bei van Beurden in einem Nebenzimmer arbeitet. „Die Leute geben ihr Geld eher für Reisen aus.“

Nicht so in der übrigen Welt. „Diamanten sind wie kein anderer Stein ein Symbol für Reinheit und Liebe“, sagt Youri Steverlynck von der Händlervereinigung HRD. Entsprechend investieren die neuen Reichen der Schwellenländer ebenso in die Edelsteine wie junge Briten und Amerikaner. Wie stark die Diamantenkultur in einigen Ländern etabliert ist, beweist ein neues Gesetz in Großbritannien: Dort dürfen Sparer zehn Prozent ihrer Altersvorsorge steuerbegünstigt in Diamanten anlegen.

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