Arbeitsbedingungen
Im Fadenkreuz

900 Produktionsstätten in Südosteuropa und Nordafrika entwerfen, nähen und bügeln für europäische Modehändler. Kinderarbeit, Hungerlöhne und Ausbeutung aller Art sind für C&A und Co. tabu – und zwar nicht nur aus Nächstenliebe. Zu groß wäre der Skandal, würden Missstände bei einem Lieferanten publik.

ISTANBUL. Die Gardine im dritten Stock wird ruckartig zurückgezogen. Kaum ist Christian Chlan bei der Ceritler Konfeksiyon in Istanbul vorgefahren, ist er auch schon entdeckt. Unerwarteten Besuch gibt es nicht oft im Industriegebiet Yenibosna. Die Schlaglöcher sind tief, die Beschilderung ist mangelhaft, Hausnummern oder gar Firmenschilder sind Mangelware. Wer hierher kommt, kennt sich entweder aus oder hat gezielt gesucht.

Der große, massige Mittvierziger mit dem rotblondem Haar und den blauen Augen ist ein erwarteter, aber ungebetener Gast. Der Österreicher kontrolliert für die Düsseldorfer Modekette C&A die Lieferanten in Südosteuropa und Nordafrika. In Istanbul hat Chlan an diesem Morgen im Juni keine Zeit zu verlieren. Er greift sich seine Aktentasche, geht zum Firmeneingang und – wird gestoppt.

Hakan Kaskal ist hier der Chef. Der kleine, untersetzte Türke mit kahlem Kopf ist aus dem dritten Stock heruntergeeilt. Chlan stellt sich vor, Kaskal nickt und bittet – bemüht freundlich – herein. Auf dem Weg nach oben führt der Türke drei kurze Telefonate – die schnellen Worte, der zackige Tonfall klingen wie Befehle. Der Textilunternehmer ist nervös, sichtlich nervös wechselt er das Mobilteil von einer in die andere Hand, so nervös, dass er vergisst, seinen – wenn auch ungebetenen – Gästen im Büro eine Tasse Tee oder Kaffee anzubieten. Ein Affront in der gastfreundlichen Türkei.

Die plötzliche Hektik kennt Chlan. In aller Ruhe erklärt er Kaskal, der 40 Prozent seiner Kleider an C&A liefert, den Grund für den Besuch und beginnt ihn auszufragen. Wie viele Mitarbeiter haben Sie? 38, antwortet Kaskal. Wochenarbeitszeit? 40,5 Stunden. Überstunden? Selten bis nie. Urlaubstage? 14 für Neueinsteiger, pro Jahr Betriebszugehörigkeit einen Tag mehr. Feuerprobealarm? Alle zwei Monate. Beschäftigen Sie Mitarbeiter unter 15 Jahre? Nein.

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