Arbeitskampf
Telekom-Streik ist für Verdi eine Existenzfrage

Die Auseinandersetzung mit der Deutschen Telekom hat für Verdi in mehrfacher Hinsicht Symbolcharakter. Die Arbeitnehmervertreter vermuten, dass die Telekom mit der geplanten Ausgliederung eine Blaupause für andere Unternehmen schaffen will. Zugleich hat der Konflikt noch eine andere große Bedeutung für die Gewerkschaft: Es geht um ihre Existenzberechtigung.

BERLIN/DÜSSELDORF. „Es ist zu befürchten, dass das Modell der Deutschen Telekom Schule macht. Wir haben Hinweise darauf, dass andere Konzerne die Entwicklung dort genau verfolgen,“ sagt Verdi-Verhandlungsführer und Aufsichtsrats-Vize der Deutschen Telekom, Lothar Schröder. Kein Wunder, dass die Streikbereitschaft so hoch ist. 96,5 Prozent stimmten bei der Urabstimmung, deren Ergebnis am Donnerstag verkündet wurde, für den Arbeitskampf.

Zumindest auf dem Papier ist die Gewerkschaft bei der Telekom – und bei der Deutschen Post – so mächtig wie in kaum einem anderen Tarifbereich. Nach Verdi-Angaben sind 75 bis 80 Prozent der betroffenen Telekom-Mitarbeiter Gewerkschaftsmitglieder. Das liegt zum einen daran, dass sich Beschäftigte in Großunternehmen leichter organisieren lassen als in Kleinbetrieben. Es hat aber auch damit zu tun, dass die einstige Deutsche Postgewerkschaft, die 2001 in Verdi aufging, zu Zeiten der alten Monopolbehörde Bundespost Telekom wie eine unangefochtene Betriebsgewerkschaft agieren konnte.

Zum Vergleich: Im Wachgewerbe, im Friseurhandwerk oder bei den neuen privaten Postdienstleistern gesteht Verdi ein, dass die Organisationsmacht für eine wirksame Vertretung der Arbeitnehmerinteressen zu schwach sei – und ruft daher nach staatlicher Hilfe durch einen gesetzlichen Mindestlohn. Vor diesem Hintergrund wird das Bedürfnis um so größer sein, in den Bastionen tatsächlich Stärke zu zeigen.

Zugleich droht sich eine Enttäuschung der Telekom-Beschäftigten überproportional in Mitgliederverlusten für die Gesamtorganisation niederzuschlagen. Gerade deswegen müsse sich Verdi nun besonders ins Zeug legen, glauben Beobachter. Hinzu kommt: Auf dem Verdi-Kongress im Herbst wird die Gewerkschaftsführung neu gewählt. Welche Folgen der Argwohn der Delegierten über eine vermeintlich zu nachgiebige Führung haben kann, bekam zuletzt der Chef der Verdi-Vorläuferorganisation ÖTV, Herbert Mai, zu spüren: Er wurde 2000 derart abgestraft, dass er sein Amt aufgab.

Unterschiedliche Meinungen gibt es darüber, inwieweit es bei der Telekom tatsächlich um einen „Dammbruch“ geht, der eine neue Outscourcing-Welle in der ganzen Wirtschaft auslösen könnte. Experten betonten, dass die Telekom schon deshalb kaum vergleichbar sei, weil sie auf Basis gesetzlicher Verpflichtung nach wie vor 78 000 Beamte beschäftigt, was für die Personalwirtschaft ein Sonderproblem ist. Zugleich aber verfolgen auch andere Gewerkschaften die Vorgänge aufmerksam, weil die geplanten Einschnitte über alle gängigen Dimensionen hinausgehen. Es sei von großem Interesse, inwiefern sich der Fall Telekom „stilbildend“ auf das Verhältnis von Unternehmen und Belegschaften auswirke, heißt es bei der IG Metall.

Bei der Telekom sind die Fronten bereits so verhärtet, dass die Gewerkschaft erwägt, Großveranstaltungen wie den G8- Gipfel in Heiligendamm kommunikationstechnisch zu bestreiken. Umgekehrt bietet die Tatsache, dass die Telekom viele Beamte hat, dem Unternehmen auch einen Vorteil in einem solchen Konflikt: Beamte haben kein Streikrecht. Zur Urabstimmung hat Verdi sie trotzdem aufgerufen und gefragt, ob sie sich im Streik „solidarisch verhalten“.

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