Arcandor-Chef hat hoch gepokert
Der Strippenzieher

Thomas Middelhoff hat einen neuen Coup gelandet. Der Chef des Touristik- und Kaufhauskonzerns Arcandor fordert mit dem Verkauf der Tochter Condor an Air Berlin die Konkurrenten Tui und Lufthansa heraus. Experten halten weitere Überraschungen für möglich.

DÜSSELDORF. Als er bei Karstadt-Quelle angetreten sei, erzählt Thomas Middelhoff bei Vorträgen, hätten die Einkäufer der Schwesterfirmen nicht mal miteinander geredet. Sie hätten sich als Rivalen gefühlt. „Stellen Sie sich das vor!“, ruft er dann und hebt fassungslos die Arme in die Höhe. Es sind solche Anekdötchen, die den 54-Jährigen zu einem beliebten Redner machen. Tritt er ans Podium, entsteht schnell eine Pseudo-Intimität: Jeder im Saal fühlt sich, als erzähle da ein Kumpel an der Kneipentheke vom Tagwerk. Und es sind solche Histörchen, die hängenbleiben, das Gehirn reinwaschen von dem, was hinterfragenswert wäre.

Und davon gab es immer reichlich in der Karriere des Thomas Middelhoff. Schon bei Bertelsmann kaufte er wie im Rausch: Random House, RTL, Pixelpark, CD Now – der Umsatz verdoppelte sich, das operative Ergebnis wurde verdreifacht und das Eigenkapital versechsfacht. Doch manche Investition erwies sich später als Mühlstein: Gerade erst zahlte Bertelsmann 300 Mill. Dollar, um einen Prozess rund um die Musiktauschbörse Napster zu verhindern. Zwar wurde im Zusammenhang mit den Forderungen der Musikindustrie gegen Napster noch zu seiner Zeit als Vorstandsvorsitzender ein Konzept zur Regelung aller Streitpunkte erarbeitet. Doch dieses wurde nach seinem Weggang verworfen. Satte 4,5 Mrd. Euro kostete die Gütersloher der Rückkauf der Anteile, die der Belgier Albert Frère einst bei der Übernahme von RTL erhalten hatte.

Middelhoff war eben nie interessiert am Tagesgeschäft und ebenso wenig am langfristigen Gedeihen der Unternehmen, die er führt. Er denkt in der Zeitdimension der Kapitalinvestoren: der mittleren Frist. Und nichts anderes ist er eigentlich ja auch: Investor, Partner im Ruhestand bei Investcorp, und nur übergangsweise für den Arcandor-Konzern tätig, der einst Karstadt-Quelle hieß. Ende 2008 wird Middelhoff Essen wieder verlassen.

Niemand würde es deshalb überraschen, wenn auch sein jüngster Coup, die Vereinigung der Fluglinien Condor und Air Berlin, noch eine Überraschung beinhalten würde.

Er hat hoch gepokert: Nach Informationen des Handelsblatts aus Branchenkreisen verhandelte Middelhoff sowohl mit Lufthansa-Lenker Wolfgang Mayrhuber als auch mit Air-Berlin-Chef Joachim Hunold. In den Gesprächen mit Mayrhuber ging es darum, den Ferienflieger Condor, die Lufthansa-Tochter Germanwings sowie den Tui-Ableger Tuifly zusammenzuführen. Das Ziel: eine Gegenposition im Ferien- und Billigflugsegment zu Air Berlin, Easyjet und Ryanair aufzubauen. Die Gespräche scheiterten – zum einen an den Egos der Konzernchefs, zum anderen an Mayrhubers Abneigung gegenüber dem zyklischen Touristikgeschäft. Und schließlich, weil Middelhoff zu ungeduldig war.

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