Arcandor
Pracht und Ohnmacht bei Karstadt

Bei Arcandor und seiner Tochter Karstadt ist kaum noch Hoffnung vorhanden. Ein rettender Investor ist nicht in Sicht. Heute äußert sich Insolvenzverwalter Görg, wie es weitergehen soll. Karstadts Betriebsratschef Schuster sagte: „Wir sind nicht in der Lage, Forderungen zu stellen.“ Ein Besuch bei den Mitarbeitern vor Ort.

BIELEFELD/HAMBURG. Hans-Walter Zimmer ist noch nicht zum Aufräumen gekommen nach dem Kampf, und so sieht es auch aus. Im Büro muss er sich zum Besprechungstisch erst durchschlagen, zu Dutzenden liegen noch Demo-Schilder auf Kommoden und in Schiebewagen im Weg herum. „Das Warenhaus lebt“ steht auf ihnen und „Es geht um 56000 Arbeitsplätze“. Es sind die abgelegten Waffen, mit denen der Bielefelder Karstadt-Betriebsrat Zimmer und seine 300 Kollegen in den vergangenen Monaten noch alles retten wollten.

Aber die Schlacht ist verloren. Zimmer, weiches Gesicht, Brille und Stoppelhaar, wirkt müde. Erst die Ablehnung der Staatshilfen, dann die Insolvenz, es ist immer noch ein Schock. „Die letzte Zeit war aufwühlend“, sagt Zimmer. Man sieht es ihm an.

Zimmer war mit in Berlin, um noch einmal alles zu versuchen, um zusammen mit tausenden Kollegen für die Staatskredite zu werben. Er hat eine typische Karstadt-Karriere gemacht, 32 Jahre arbeitet er jetzt im Bielefelder Haus, seit der Ausbildung. Kann er sich ein Leben ohne Warenhaus überhaupt noch vorstellen? Wie so viele kann er es nicht.

Karstadt Bielefeld, das ist eine dieser Filialen, wie sie überall in der Republik stehen: Der massive, marmorverkleidete Bau aus den Sechziger Jahren besetzt einen ganzen Innenstadtblock. Drumherum liegt die übliche Monotonie von Modeketten, Drogerien und Handyshops. Ein paar schmale Ahornbäume kämpfen entlang der Fußgängerzone um Aufmerksamkeit.

Drinnen herrscht eine Mischung aus Hoffnung und Ohnmacht. Immer schwarze Zahlen, heißt es, einer der Top-30-Standorte des Konzerns, alleine 21000 Unterstützer-Unterschriften. „Ich bin überzeugt, dass das Warenhaus eine Zukunft hat“, sagt die Geschäftsführerin Eleonore Jennes. Sie sagt es resolut. Und sie glaubt es. Wie Zimmer hat auch sie als Azubi bei Karstadt angefangen und sich in 26 Jahren und 13 Ortswechseln hochgearbeitet. Vielleicht will sie es deshalb auch glauben.

Doch die existenzielle Karstadt-Krise, die beide durchleben, ist noch nicht überall offiziell angekommen – eine ganz andere Welt im Hamburger Alsterhaus. Das sollte mal die Zukunft des Konzerns sein: Im vor vier Jahren vollständig renovierten Vorzeige-Einkaufstempel an der Binnenalster gibt es Chanel statt Spielwaren, makelloses Weiß und feine Hölzer dominieren. Nirgendwo ist hier Karstadt zu lesen, es gibt keine Plakate, keine Aufrufe, nichts. Als hätte es den Insolvenzantrag nie gegeben.

Die Geschäftsführung äußert sich nicht öffentlich. Der Hamburger Betriebsrat Rudi Münz immerhin spricht sich und den Kollegen Mut zu: „Wir sind ein attraktives Haus und zuversichtlich, dass es weitergehen wird.“ Angesichts anhaltender Verkaufsgerüchte um die drei Premiumhäuser des Arcandor-Konzerns, zu dem noch das Berliner KaDeWe und das Oberpollinger in München gehören, will man wohl lieber keinen Klassen-Konflikt zwischen den Standorten schüren.

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