Auf letzter Fahrt
Die ungewisse Zukunft der Küstenfischerei

Der Geruch nach Räucheraal, ein schaukelnder Kutter im Hafen: Die Küstenfischerei wird immer mehr zur touristischen Fassade. In Dranske auf Rügen geht jetzt der letzte Fischer von Bord. Hat der Beruf noch eine Zukunft?

DranskeJürgen Krieger gehört zu einer aussterbenden Spezies. Ende des Jahres wird der Fischer aus Dranske auf der Insel Rügen in Rente gehen. Er wird seinen Kutter „Seestern“ verkaufen, der ihm seit 1992 ein treuer Gefährte war. Er wird versuchen, die niedrige Fangquote von 3,8 Tonnen Hering auf seine Arbeitsboote zu übertragen, damit er sich neben seiner Rente auf 450-Euro-Basis noch etwas dazu verdienen kann.

Krieger teilt das Schicksal vieler Kollegen, die sich nach der Wende selbstständig gemacht haben und in die Jahre gekommen sind. Dennoch hat sein Abschied besondere Symbolkraft: Er ist der letzte Fischer im Altdorf Dranske, wo das Fischen nach Angaben des Heimatvereins seit dem Mittelalter nachgewiesen werden kann.

Dranske liegt im Norden Rügens auf einem schmalen Landhaken. Westlich des Dorfes schlägt die Ostsee ans Ufer, östlich davon liegen der Wieker Bodden und der Rassower Strom. Heringe, Flundern, Dorsche und Aale fängt der Fischer in den Gewässern vor seiner Haustür. „Die Bestände sind noch immer gut“, sagt Krieger.

Dennoch sei das Fischen in den vergangenen Jahren immer schwieriger geworden, berichtet er – und nennt die zehrenden Diskussionen um Quoten, Fangverbotszonen und EU-Reglementierungen. „Jedes Jahr jagt die Wissenschaft eine neue Sau durchs Dorf. Es muss nicht mehr sein.“

Krieger will nicht mehr jeden Tag raus müssen. Sein Rücken hat zwei Bandscheibenvorfälle überstanden. „Das reicht“, sagt er. Insgesamt kommt er auf 45 Arbeitsjahre, so dass er sich nun mit 63 abschlagsfrei in die Rente verabschieden kann.

Mit dem Arbeitsboot steuert Krieger vom Liegeplatz am ehemaligen Marinehafen auf den Rassower Strom. Die Möwen begleiten die Ausfahrt zu den Reusen, die rund 100 Meter vor der Küstenlinie stehen. Der Wind weht mit Stärke vier aus Ost-Nordost. „Ich verkauf' nur das, was ich gefangen habe. Das hab' ich immer so gemacht, und es wird auf meine letzten Tage auch so bleiben.“

„Alibi-Fischer“ nennt er die Kollegen, die inzwischen Fisch dazu kaufen und als eigenen Fang an den Urlauber bringen. Die heile Fassade vom wettergegerbten Fischer hält vor den Touristen stand. Noch schaukeln Kutter in den Häfen. Doch die Substanz bröckelt.

Nach Angaben des Landes-Agrarministeriums in Schwerin sank innerhalb eines Jahres die Zahl der hauptberuflichen Kutter- und Küstenfischer von 270 auf 255. In Wendezeiten waren 1.000 in Mecklenburg-Vorpommern aktiv gewesen. Krieger spricht von einem „Verrentungsboom“, der auf den Landesverband der Kutter- und Küstenfischer zurollt. „Wenn wir jetzt nicht aufpassen, sehe ich schwarz für den Verband.“

Derzeit lassen sich nach Angaben des Ministeriums jährlich nicht einmal fünf Jugendliche in der Küstenfischerei ausbilden: „Um die Anzahl der Betriebe auf dem gegenwärtigen Stand zu erhalten, müssten jedes Jahr 15 bis 20 Azubis eine Ausbildung zum Fischwirt beginnen.“

Krieger wuchtet den ersten Korb der 300 Meter langen Reuse an Bord. Er ist leer. Langsam arbeitet sich das Boot an der Reuse vorwärts. Mit den Körben zieht Krieger Seetang aus dem Wasser, dann eine Schwarzmundgrundel, die er den bettelnden Möwen zum Fraß zuwirft, eine Strandkrabbe – und endlich nach 30 Metern den ersten Aal.

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Der letzte Fischer von Dranske

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