Aufsehen erregender Schritt
Wirtschaftsprüfer verweigern Alitalia-Bilanz das Testat

Die mehrheitlich staatliche Luftfahrtgesellschaft Alitalia muss nach Ansicht der Wirtschaftsprüfer von Deloitte&Touche Insolvenz anmelden, falls nicht bald „einschneidende Maßnahmen“ zur Sanierung eingeleitet werden. Auf Grund von Zweifeln an der Fortführung des Unternehmens hat Deloitte & Touche der Bilanz des vergangenen Jahres vorerst das Testat verweigert.

MAILAND. Besondere die im Zahlenwerk fehlenden Abschreibungen auf die Flotte schüren den Verdacht, dass der tatsächliche Jahresverlust 2003 weit über den angegebenen 520 Mill. Euro liegt. „Auf Grund der beschriebenen Unsicherheiten sind wir derzeit nicht im Stande, uns ein Urteil zur Bilanz zu bilden“, schreiben die Wirtschaftsprüfer.

Rein rechtlich hat dies zwar nur zur Folge, dass Alitalia bis auf weiteres keine Kapitalerhöhungen beschließen darf. Effektiv handelt es sich aber um einen Aufsehen erregenden Schritt, der das Vertrauen in die Krisen geschüttelte Airline noch weiter schwächt. Aktien und Anleihen der Alitalia haben zum Wochenschluss abermals deutlich nachgegeben. Ähnlich wie in Deutschland ist es auch in Italien sehr ungewöhnlich, dass Wirtschaftsprüfer ihre Unterschrift verweigern. Derartige Fälle häufen sich jedoch seit dem Skandal um den bankrotten Nahrungsmittelhersteller Parmalat. Auch dort fungierte Deloitte&Touche als Buchprüfer und hat seit 1999 die nachweislich gefälschten konsolidierten Konzernbilanzen testiert. Die italienische Staatsanwaltschaft ermittelt derzeit gegen zwei Deloitte-Mitarbeiter.

Mehr denn je liegt die Zukunft der Alitalia damit in den Händen der Regierung. Der seit Anfang Mai amtierende neue Konzernchef Giancarlo Cimoli bemüht sich derzeit fieberhaft um einen staatlichen Überbrückungskredit in Höhe von 400 Mill. Euro. Die EU-Kommission hat bereits signalisiert, dass eine solche Maßnahme nicht zwingend als unerlaubte Subvention bewertet würde. Dennoch hat sich die Regierung im Vorfeld der gestrigen Europawahl noch nicht darauf verständigen können. Beobachter erwarten einen möglichen Durchbruch in den kommenden Tagen. Konkurrenten beobachten die Vorgänge jedoch mit Argusaugen: Zuletzt hat die in Belgien ansässige Virgin Express die EU-Kommission präventiv aufgefordert, Alitalia keine weiteren Staatshilfen mehr zu genehmigen.

Alitalia benötigt allerdings dringend frisches Kapital: Die flüssigen Reserven sind von über 500 Mill. Euro zum Jahresende auf 200 Mill. Euro abgeschmolzen. Grund dafür sind weitere operative Verluste, die sich laut Deloitte in den ersten Monaten 2004 fortgesetzt haben. Alitalia steht unter immensem Konkurrenzdruck seitens der Billigfluglinien. Außerdem hat das Unternehmen – anders als nahezu alle etablierten Wettbewerber – selbst nach der weltweiten Krise infolge des 11. September 2001 kein Personal abgebaut. Gewerkschaften und die Regierung, die das Unternehmen zu 62 % kontrolliert, haben entsprechende Pläne des Managements stets zu verhindern gewusst. So mussten sowohl Vorstandschef Francesco Mengozzi als auch sein Nachfolger Marco Zanichelli ihre Sessel räumen, weil sie Kündigungen aussprechen wollten. Ähnliches könnte Cimoli auch bevorstehen: Die Regierungspartei Alleanza Nazionale hat bereits kund getan, ihn nach Hause zu schicken, falls sein Sanierungsplan zu hart ausfalle.

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