Bahn startet Stationsoffensive: Renaissance der Kleinbahn

Bahn startet Stationsoffensive
Renaissance der Kleinbahn

Die Deutsche Bahn will ihr Stationsnetz deutlich ausbauen. So sollen Wohn- und Gewerbegebiete besser angebunden werden. Bis zu 350 neue Haltepunkte könnten bundesweit entstehen.
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DüsseldorfIm Fernverkehr steht die Deutsche Bahn schwer in der Defensive. Flugzeug, Bus und Individualverkehr machen dem Staatskonzern schwer zu schaffen. Zwei Millionen weniger Fahrgäste im vergangenen Jahr sind ein Alarmzeichen. Deshalb arbeitet die Bahn mit Hochdruck an einem Konzept, um den Schwund zu stoppen. Diese Woche soll es vorgestellt werden.

Im Nahverkehr dagegen liegt das Konzept schon auf dem Tisch. „Stationsoffensive“ nennt sich das seit 2011 vorbereitete Projekt. Die Bahn will neue Haltepunkte an vorhandenen Strecken eröffnen. Verantwortlich dafür: Andre Zeug, Chef der Bahntochter Station & Service. Rund 350 wirtschaftlich tragfähige aus etwa 30.000 untersuchten Standorten hat die Bahn laut Zeug dafür identifiziert. 20 werden jetzt in Bayern gebaut. Das hat die Bahn mit dem Freistaat verabredet. Denn mit dem Bundesland teilt sich die Bahn auch die Kosten von insgesamt 41 Millionen Euro.

Die Bahn macht damit eine Kehrwende. In den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, aber auch nach 2000 mit Blick auf den später abgeblasenen Börsengang wurde etwa ein Drittel der Bahnhöfe geschlossen. Aus Kostengründen und weil die Kunden auf ihren privaten Pkw umstiegen. Das Bahnhofssterben betraf vor allem den ländlichen Raum. Verfallende Anlagen und Stationsgebäude sind seitdem das Symbol für den Rückzug der Schiene.

Doch seit einiger Zeit ist klar: Vor allem im Nah- und Regionalverkehr schreibt die Schiene neue Rekorde. Zwei Milliarden Kunden nutzen inzwischen in jedem Jahr einen Zug im Regional-und Nahverkehr. Vor allem Berufspendler. Tendenz steigend.

Die Bahn eröffnet jetzt allerdings keine aufgegebenen Stationen neu. Die avisierten Haltepunkte sind zum größten Teil an vollkommen anderen Standorten, heißt es. Nahe neu entstandenen Wohn-oder Gewerbegebieten, Einkaufszentren, Hochschulen oder Krankenhäusern. Typische Stationsnamen in der Pilotregion Bayern lauten deshalb Kaufbeuren Nord oder Hof Mitte. Die Bahn folgt den veränderten Siedlungsstrukturen. „In ländlichen Regionen“, sagt Zeug, „liegen viele Bahnhöfe heute nicht mehr unmittelbar dort, wo die Menschen leben und arbeiten.“

Das Erstaunlichste an diesem Projekt: Der Ausbau des Stationsnetzes kostet überraschend wenig. Zwischen 1,5 und zwei Millionen Euro werden für solche Haltepunkte angesetzt, die mit Wartehaus und Fahrkartenautomat ausgerüstet mehr einfachen Busstationen gleichen. Und es geht auch gar nicht darum, Menschenmassen zu transportieren. Schon ab 100 Reisenden täglich kann sich eine solche Station rechnen.

Bei durchschnittlich 350 Kunden pro Tag kalkuliert die Bahn mit etwa 300.000 Euro Einnahmen pro Jahr. Die Station hätte sich wegen der geringen Unterhaltkosten binnen kurzer Zeit amortisiert, heißt es in einem internen Papier des Unternehmens. Und hochgerechnet auf die möglichen 350 neuen Haltepunkte hieße das nach den Berechnungen der Bahn, dass etwa zwei Millionen Menschen davon profitieren könnten. So einfach lässt sich die Renaissance des Fernverkehrs auf der Schiene allerdings nicht planen.

Dieter Fockenbrock
Dieter Fockenbrock
Handelsblatt / Chefkorrespondent

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  • Netz vergrößern? Und warum werden "alle" Verbindungen nach Polen gestrichen (Dresden-"Breslau" oder FFO - Posen? Absicht oder neuer kalter Krieg gegen den Osten, wie Frau Merkel es mit Russland vormacht?????

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