Bahn-Streithähne zu Gast bei Anne Will
Tarif-Talk mit Peinlichkeiten

Wir hatten uns gefreut auf eine neue Form der Beendigung von Tarifkonflikten – auf die „Talk-Show-Lösung“. Doch so weit kommt es am Sonntagabend im ARD-Polittalk zum Tarifstreit bei der Bahn nicht. Stattdessen wird es ganz zum Schluss, als Anne Will die Sendezeit schon überschritten hat, noch mal so richtig peinlich.

BERLIN. Bahn-Personalvorstand Margret Suckale hält Manfred Schell die Hand hin und appelliert an den Chef der Gewerkschaft der Lokomotivführer (GDL). „Herr Schell, kommen Sie an den Verhandlungstisch, wir kriegen das gelöst“, sagt Suckale, doch Schell erwidert die Geste mit Kopfschütteln. „Ihre öffentliche Spontaneität verwirrt mich“, entgegnet er. Der Einigungsversuch vor laufenden Kameras ist gescheitert.

Im Vorfeld der Talkrunde hatten deren Organisatoren hohe Erwartungen geweckt. Man bringe die beiden Streithähne in ein Studio, das allein sei bereits ein vielversprechender Fortschritt. Wer weiß, ob es nicht am Ende der Sendung sogar noch zu einer Umarmung kommt. Nichts da. Die Situation bleibt verfahren. Daran konnte Anne Will nichts ändern.

Ein überaus gereizt wirkender Schell windet sich eine gute Stunde lang vor der Kamera, schüttelt den Kopf und verzieht das Gesicht. Nein, das ist der gesamten Körpersprache des Gewerkschaftschefs anzusehen, er will sich nicht einlullen lassen. Nicht von Frau Suckale, nicht von Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser und erst recht nicht von Transnet-Chef Norbert Hansen.

Suckale gibt sich im Ton konziliant. Sie unterstreicht die bedeutende Rolle der Lokführer für das gesamte Unternehmen. Und überhaupt – man könne über alles reden, sagt sie. Schell jedoch beeindruckt das alles nicht. Denn schließlich bewegt sich Suckale in der Sache nicht wirklich. Auch Schell selbst bleibt hart.

„Die Politik in Tarifverhandlungen einzuschalten, das ist die allerletzte Lösung“, sagt der tarifverhandlungsgestählte Martin Kannegiesser gegen Ende der Sendung. Da hat er Recht. Und was für die Politik gilt, gilt offensichtlich auch für das Fernsehen. Wer ernsthaft geglaubt haben sollte, Anne Will könnte als Schlichterin den Streit zwischen Bahn und Lokführer lösen, wurde enttäuscht.

Klaus Stratmann berichtet als Korrespondent aus Berlin.
Klaus Stratmann
Handelsblatt / Korrespondent
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