Bahnstreik
„Das Management hat Millionen verbraten“

Claus Weselsky inszeniert sich als letzten aufrechten Gewerkschafter Deutschlands. Der Oberlokführer der Gewerkschaft GDL gibt dem Bahnvorstand die Schuld am Streik – und sich selbst siegessicher.
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BerlinGroßer Bahnhof in der Zentrale des Beamtenbundes in der Berliner Friedrichstraße. Doch der Andrang gilt nicht allein dem Chef der Lokführergewerkschaft GDL, Claus Weselsky. Im Foyer tagen die Spitzen der deutschen Sicherheitsbehörden und des Verfassungsschutzes. Es gibt noch wichtigere Themen als den Arbeitskampf auf Schienen, auch wenn Weselsky drei Etagen weiter oben bekräftigt, dass er am längsten Streik in der Geschichte der Deutschen Bahn (DB) festhält.

Von Montag 15 Uhr an stehen die Räder im Güterverkehr still, ab Dienstagmorgen zwei Uhr wird auch der Personenverkehr bestreikt. 127 Stunden später, am Sonntag um neun Uhr, soll der Spuk dann zu Ende sein.

„Es geht um unser Grundrecht, unsere Mitglieder zu tarifieren“, sagt der Oberlokführer aus Sachsen. Davon werde sich seine Gewerkschaft nicht abbringen lassen.

Rechtfertigt der Streik den enormen volkswirtschaftlichen Schaden für Deutschland? „Stellen Sie die Frage einem Management, das 200 Millionen Euro verbraten hat und weitere 100 Millionen Euro in den Raum stellt und durch die Esse gehen lässt.“ Die Esse, von althochdeutsch essa, „Herd des Metallarbeiters“, bezeichnet eine offene Feuerstelle mit Abzug und zusätzlicher Luftzuführung.

Die Bahn verbrennt Geld, nichts anderes sagt Weselsky also. Er ist überzeugt, dass sich mit dem Geld sämtliche Forderungen der GDL hätten finanzieren lassen. Doch das letzte schriftlich fixierte Zwischenergebnis der seit Sommer 2014 laufenden Tarifrunde datiert vom 23. Februar. Seither sei man in den Verhandlungsrunden keinen Schritt vorangekommen.

Was ist mit Politikern wie Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) oder Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD), die die neue Streikankündigung scharf verurteilt haben? Die Politik habe doch 1993 entschieden, die Bahn zu privatisieren, sagt der GDL-Chef, dann müsse sie jetzt eben auch die Konsequenzen tragen. Und außerdem gelte ja auch bei der Bahn, die sich noch zu 100 Prozent in Staatsbesitz befindet, der Grundsatz „Eigentum verpflichtet“. Wenn die Bundesregierung als Eigentümer diese Verantwortung ernst nehme, solle sie endlich das Management der Bahn zu einem Abschluss drängen und nicht der GDL Vorschriften machen.

Entstehende Kosten für die deutsche Industrie durch die Bahnstreiks 2014


Wäre es nicht wenigstens einen Versuch wert, die vom Konzern angebotene Schlichtung anzustreben? Nein, sagt Weselsky, denn über Grundrechte könne man nicht schlichten, basta!

Seit im Juni vergangenen Jahres ein Kooperationsvertrag zwischen der GDL und der konkurrierenden Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) ausgelaufen ist, streiten beide Gewerkschaften untereinander und mit dem Unternehmen, wer Tarifverträge für welche Berufsgruppen abschließen darf. Die GDL will nicht länger nur für die Lokführer zuständig sein, sondern auch für ihre Mitglieder unter den Zugbegleitern, Bordgastronomen, Lokrangierführern, Trainern und Disponenten, die bisher von der EVG vertreten wurden.

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75 Euro Streikgeld pro Tag

Kommentare zu " Bahnstreik: „Das Management hat Millionen verbraten“"

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  • wenn sich die privaten Arbeitgeber genauso verhalten würden wie der Staat so würden sie zu Recht an den Pranger gestellt. Egal ob Polizei, Alten- und Krankenpflege, Kinderbetreuung, Zeitarbeitsverhältnisse bei jungen Lehrern oder eben auch die Lokführer: überall wird hohes Engagement schlecht bezahlt, von den unmöglichen Schichtarbeiten und Überstunden gar nicht zu reden. und nun kommen die unverfrorenen Politiker und finden nichts dabei durch entsprechende neue Gesetze noch das Streikrecht neu einzuengen. Im dritten Reich nannte man so etwas die Gleichschaltung. Wer hätte gedacht dass wir schon wieder so weit gekommen sind. Ich habe aller- größtes Verständnis für die Anliegen der Lokführer.

  • !!! Claus Weselsky fürs Kanzleramt !!!

    "Grundrechte kann man nicht verschlichten"

    (...)

    Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich.

  • Entscheidend ist der Jahresüberschuss. Dies ist der Betrag, der unter dem Strich übrig bleibt. Der betrug in 2013 649 Mio. EUR und damit ca. 60 % unter dem Jahresüberschuss des Vorjahres. 2014 und 2015 wird das Jahresergebnis weiter sinken. Ich rechne 2015 mit einem Jahresfehlbetrag - dank des Streiks (massive Umsatzausfälle und Abwanderung von Kunden, insbesondere aus dem Güterverkehr).

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