Bahnstreik

„Das Management hat Millionen verbraten“

Claus Weselsky inszeniert sich als letzten aufrechten Gewerkschafter Deutschlands. Der Oberlokführer der Gewerkschaft GDL gibt dem Bahnvorstand die Schuld am Streik – und sich selbst siegessicher.
Update: 04.05.2015 - 16:22 Uhr 41 Kommentare

„Fahrgäste sind Spielball der Bahn-Interessen“

BerlinGroßer Bahnhof in der Zentrale des Beamtenbundes in der Berliner Friedrichstraße. Doch der Andrang gilt nicht allein dem Chef der Lokführergewerkschaft GDL, Claus Weselsky. Im Foyer tagen die Spitzen der deutschen Sicherheitsbehörden und des Verfassungsschutzes. Es gibt noch wichtigere Themen als den Arbeitskampf auf Schienen, auch wenn Weselsky drei Etagen weiter oben bekräftigt, dass er am längsten Streik in der Geschichte der Deutschen Bahn (DB) festhält.

Von Montag 15 Uhr an stehen die Räder im Güterverkehr still, ab Dienstagmorgen zwei Uhr wird auch der Personenverkehr bestreikt. 127 Stunden später, am Sonntag um neun Uhr, soll der Spuk dann zu Ende sein.

„Es geht um unser Grundrecht, unsere Mitglieder zu tarifieren“, sagt der Oberlokführer aus Sachsen. Davon werde sich seine Gewerkschaft nicht abbringen lassen.

Rechtfertigt der Streik den enormen volkswirtschaftlichen Schaden für Deutschland? „Stellen Sie die Frage einem Management, das 200 Millionen Euro verbraten hat und weitere 100 Millionen Euro in den Raum stellt und durch die Esse gehen lässt.“ Die Esse, von althochdeutsch essa, „Herd des Metallarbeiters“, bezeichnet eine offene Feuerstelle mit Abzug und zusätzlicher Luftzuführung.

Die Bahn verbrennt Geld, nichts anderes sagt Weselsky also. Er ist überzeugt, dass sich mit dem Geld sämtliche Forderungen der GDL hätten finanzieren lassen. Doch das letzte schriftlich fixierte Zwischenergebnis der seit Sommer 2014 laufenden Tarifrunde datiert vom 23. Februar. Seither sei man in den Verhandlungsrunden keinen Schritt vorangekommen.

Was ist mit Politikern wie Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) oder Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD), die die neue Streikankündigung scharf verurteilt haben? Die Politik habe doch 1993 entschieden, die Bahn zu privatisieren, sagt der GDL-Chef, dann müsse sie jetzt eben auch die Konsequenzen tragen. Und außerdem gelte ja auch bei der Bahn, die sich noch zu 100 Prozent in Staatsbesitz befindet, der Grundsatz „Eigentum verpflichtet“. Wenn die Bundesregierung als Eigentümer diese Verantwortung ernst nehme, solle sie endlich das Management der Bahn zu einem Abschluss drängen und nicht der GDL Vorschriften machen.

Entstehende Kosten für die deutsche Industrie durch die Bahnstreiks 2014


Wäre es nicht wenigstens einen Versuch wert, die vom Konzern angebotene Schlichtung anzustreben? Nein, sagt Weselsky, denn über Grundrechte könne man nicht schlichten, basta!

Seit im Juni vergangenen Jahres ein Kooperationsvertrag zwischen der GDL und der konkurrierenden Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) ausgelaufen ist, streiten beide Gewerkschaften untereinander und mit dem Unternehmen, wer Tarifverträge für welche Berufsgruppen abschließen darf. Die GDL will nicht länger nur für die Lokführer zuständig sein, sondern auch für ihre Mitglieder unter den Zugbegleitern, Bordgastronomen, Lokrangierführern, Trainern und Disponenten, die bisher von der EVG vertreten wurden.

75 Euro Streikgeld pro Tag
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41 Kommentare zu "Bahnstreik: „Das Management hat Millionen verbraten“"

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  • wenn sich die privaten Arbeitgeber genauso verhalten würden wie der Staat so würden sie zu Recht an den Pranger gestellt. Egal ob Polizei, Alten- und Krankenpflege, Kinderbetreuung, Zeitarbeitsverhältnisse bei jungen Lehrern oder eben auch die Lokführer: überall wird hohes Engagement schlecht bezahlt, von den unmöglichen Schichtarbeiten und Überstunden gar nicht zu reden. und nun kommen die unverfrorenen Politiker und finden nichts dabei durch entsprechende neue Gesetze noch das Streikrecht neu einzuengen. Im dritten Reich nannte man so etwas die Gleichschaltung. Wer hätte gedacht dass wir schon wieder so weit gekommen sind. Ich habe aller- größtes Verständnis für die Anliegen der Lokführer.

  • !!! Claus Weselsky fürs Kanzleramt !!!

    "Grundrechte kann man nicht verschlichten"

    (...)

    Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich.

  • Entscheidend ist der Jahresüberschuss. Dies ist der Betrag, der unter dem Strich übrig bleibt. Der betrug in 2013 649 Mio. EUR und damit ca. 60 % unter dem Jahresüberschuss des Vorjahres. 2014 und 2015 wird das Jahresergebnis weiter sinken. Ich rechne 2015 mit einem Jahresfehlbetrag - dank des Streiks (massive Umsatzausfälle und Abwanderung von Kunden, insbesondere aus dem Güterverkehr).

  • So sehr man die Auswirkungen des Langzeitstreiks auf den Bahnverkehr bedauern muss: Ich sehe das Management der Bahn in der Verantwortung. Die Absicht, auf das bewusste Gesetz (im Übrigen eine Schande, dass sich Sozialdemokraten auf Derartiges einlassen!) zu warten, ist, trotz gegenteiligem Bekunden, deutlich zu erkennen. Machen wir uns nichts vor: Es ist auch bei der Bahn genügend Geld vorhanden, um auf Forderungen der GDL in entsprechenden Verhandlungen einzugehen. Man sieht es daran, dass sich der "Bahnvorstand" seit Februar, ungerührt von allem, nicht bewegt hat und alle Verluste, die durch diese Situation entstehen, einfach hinnimmt. Kein Wunder, der "privatisierte" Staatsbetrieb, dessen Eigentümer ja immer noch die Bundesrepublik ist, wird direkt und indirekt mit den Geldern der Steuerzahler "betrieben". So kann man fröhlich seine "Erfolgsprämien" erhöhen, Verluste hinnehmen, die Steuerzahler (indirekt und direkt) mit seiner Handlungsweise beeinträchtigen, Marktansehen und Kunden verlieren usw. Im Sinne einer wirklichen Marktwirtschaft mit Blick auf ein nachhaltiges Wirtschaften und eine Einkommenserwirtschaftung im Fortschreiten der Zeit (der eigentlichen Funktion eines Unternehmens nach wohl nun veralteten volks- und betriebswirtschaftlichen Definitionen) gehört der verantwortliche Bahnvorstand gefeuert. Aber da wird aufgrund des Filzes in dieser Republik wohl bis auf den St.Nimmerleinstag zu warten sein!
    Nein, Damen und Herren, der unsympathische Herr W. von der GDL hat recht, wenn er weitermachen lässt. Es ist hanebüchen, was gegen grundgesetzlich festgeschriebene Rechte der Gewerkschaften seitens der "Politik" unternommen wird, wenn es bestimmten Kreisen (Lobby) nicht in ihren Kram passt (hier wurde das ja andersherum gelagerte Vorgehen im Zshang. mit den christlichen Gewerkschaften angfesprochen!). Wehret da den Anfängen! Es wird Zeit, dass das Wahlvolk mal Zeichen setzt, denn so (s. auch andere "Affären" in dieser Republik) kann es nicht weitergehen.

  • "Die Politik habe doch 1993 entschieden, die Bahn zu privatisieren....."

    Man braucht nur u.a. nach Großbritannien und Neuseeland zu schauen, dann kapiert man auch, warum gewisse Bereiche nicht privatisiert werden dürfen !!! Eine seriöse Recherche ist simpel
    und ich kann nicht verstehen, warum unsere Medien zu passiv bleiben !

    Es wird nichts besser, im Gegenteil nur teurer !

    Ausverkauf unserer Demokratie !

    "...mit Politikern wie Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) oder Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD)....."

    Wer rettet uns vor solchen "Volksvertretern" !!

    Weiter so GDL, es gibt keinen günstigen Zeitpunkt zu einem Streik !!!
    Was der Bahnvorstand und die Politik sich leistet, ist beschämend durchsichtig !

    Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich.

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Nicht persönlich werden“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

  • @Herr Hans Send

    Hier der Link Herrr Send:
    http://www.handelsblatt.com/unternehmen/handel-konsumgueter/trotz-schlechtem-jahr-bahn-vorstaende-verdoppeln-ihre-erfolgspraemien/11524652.html

  • @Herr Hans Send
    Man muss sich schon fragen, ob der Vorstand der DB und die Politik noch alle Tassen im Schrank haben. Können die überhaupt das Wort "Grundrecht" richtig schreiben? Wohl ja, aber verstanden haben sie es sicher nicht. Grundrechte sind nicht schrankenlos und gelten immer, nur Vollpfosten sehen das anders. Die gehören alle aus dem Verkehr gezogen. Sie sind ein einziges Ärgernis. Verordnen sich doppelte Erfolgsprämien wo weit und breit kein Erfolg war, kriminell ist so etwas.
    Und die Pooolitiker sind auch immer ganz groß im Taschen vollstopfen und das auch noch unter debilen Beifall von Vollpfostbürgern!!!

  • Wie es auch gemacht wird den Arbeitgebern und ihren hörigen (...) ist es nicht Recht. Als die Arbeitgeber mit bestimmten Charakteren aus ihrer Belegschaft christliche Gewerkschaften gründen ließen begrüßte man die kleinen Gewerkschaften und verhandelte an den DGB Gewerkschaften vorbei Tarifabschlüsse aus. Von den (...) der etablierten Parteien kam seinerzeit nur unverschämtes feixendes Schweigen und jetzt reißen die gleichen  (...) auf und wollen das Grundgesetz vergewaltigen.
    Den roten Kitteln in Karlsruhe sind die Bücklinge vor der Wirtschaft und Politik ja schon in Fleisch und Blut übergegangen, sie werden also dem Tarifeinheitsgesetz die Vereinbarkeit mit dem Grundgesetz bescheinigen.
    Wer als angegriffener Winzling ums Überleben kämpft, braucht auch keine gutmenschliche Moral mehr und so wird es der mindestens 80 % Mehrheit auch noch gehen, der angefangene und erklärte Krieg hört nicht bei den Unterprivilegierten auf, mindestens die Mittelschicht kann man noch viel mehr rupfen!

    Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich.

  • Das geplante Gesetz zur Tarifeinheit wird wohl leider von unserer wirtschafthörigen GROKO durch den Bundestag gepeitscht werden; hoffentlich aber vom Bundesverfassungsgericht wieder einkassiert. Was hier passiert, ist der Gipfel der Arroganz dieser weltfremden Politiker. Ich gehöre selbst keiner Gewerkschaft an und bin mit dem Vorgehen von GDL und anderen Spartengewerkschaften nicht wirklich glücklich, aber: Das Streikrecht ist gesetzlich verankert, Punkt! Nur weil unserer Wirtschaft das Vorgehen der GDL nicht paßt, wird in Berlin die Lobbymaschine angeworfen und ein geradezu absurder Gesetzentwurf auf den Weg gebracht. Wo war denn der kollektive Aufschrei der Wirtschaftsbosse, als unsere Bundesregierung in der Griechenland-Krise 23 Milliarden € Steuergelder verbrannt hat? Oder als die EZB entgegen ihrem Auftrag Staatsanleihen von Pleiteländern kauft und mit ihrer "Kredit-Bazooka" langfristig die Grundlage der deutschen Wirtschaft zerstört hat? Gegen diese Glanzleistungen, die sich erst in einigen Jahren so richtig auswirken werden, sind die paar Euro, die der jetzige GDL-Streik kosten wird, wirklich Peanuts. Aber der momentane Wirbel paßt haargenau in das mediale Raster der letzten Jahre: Wegen Haarspaltereien ein riesiges Faß aufmachen, aber die wirklichen Probleme beiseite schieben. Dieses Verhalten wird sich in nicht allzu ferner Zukunft noch bitter rächen. Dann wird uns so ein Bahnstreik richtig gemütlich vorkommen...

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