Bahnverkehr global
Kein Zug wird kommen

Der Bahnstreik ist vorerst auf Eis gelegt. Doch auch ohne Arbeitsniederlegungen der Lokführer ist die Deutsche Bahn häufig genug unpünktlich. In welchen Ländern es besser läuft – und in welchen sogar schlechter.
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Bahnfahren in Großbritannien gleicht einem Glücksspiel. „Glauben Sie nicht, dass die Bahn-Privatisierung kein Erfolg war. Sie war durchaus ein Erfolg – für Banker, Rechtsanwälte und Wirtschaftsprüfer“, frotzelte ein Manager der British Rail bereits vor einigen Jahren. Die Privatisierung des Traditionsunternehmens British Rail, die 1996 passierte, gilt bis heute als Beispiel für eine gescheiterte. Nach den Plänen der konservativen Regierung unter Margaret Thatcher wurden die Eisenbahn und das Schienennetz getrennt in private Hände gegeben. Es entstanden 25 Bahngesellschaften, die Infrastruktur aus Schienen, Signalen, Brücken und Tunnel ging mit Railtrack an die Börse. Railtrack wurde zwar später wieder verstaatlicht, doch die Zahl der Anbieter ist bis heute unübersichtlich – und ihre Qualität schwankend.

Nimmt man zum Beispiel den Vorzeigezug Eurostar, schnurrt der Reisende angemessen bequem in erstaunlichen zweieinhalb Stunden von London nach Paris – und kann sich in der 1. Klasse sogar ein Frühstück mit Croissants und Cappuccino servieren lassen. Doch das ist ein Komfort, von dem Zugreisende auf anderen Strecken häufig nur träumen können. Mitunter werde man beim Bahnfahren in Großbritannien mit einem Fahrkomfort beglückt, ätzt die englische Schriftstellerin Nina Puri, die ein ganzes Buch über ihre Landsleute geschrieben hat, „der an rumänische oder ostslowakische Eisenbahnen erinnert“. Von den zahlreichen Verbindungen habe in der Regel zudem „ein Viertel Verspätungen, ein Viertel ist irgendwo in der Streckenmitte stehen geblieben und ein Viertel fällt in letzter Sekunde aus“.

Kein Zug wird kommen: Der Brite nimmt dies, wie die Zeilen zuvor belegen, meist mit dem nach ihm benannten Humor – und eiserner Höflichkeit. Als die englische Schienengesellschaft, die Network Rail, am zweiten Weihnachtstag vergangenen Jahres ohne Vorwarnung entschloss, die Gleise zu reparieren und dafür die großen Londoner Bahnhöfe King’s Cross und Paddington zeitweise schließen ließ, brach zwar Chaos aus – aber keine Revolte. Die kleine Station Finsbury Park, die stattdessen den Verkehr aufnehmen sollte, kollabierte unter dem Ansturm der Menschen, selbst die BBC kam, um das Chaos zu filmen, doch die Schlange stehende Menge bewies Nerven aus Stahl. Ein älterer Herr rief nach etwa vier Stunden: „Wir würden gerne einen Verantwortlichen sprechen.“ Das war so ziemlich der größte Wutausbruch des Tages.

All diese Widrigkeiten tun der Begeisterung der Briten für den Schienenverkehr darum keinen wirklichen Abbruch. Die Zahl der Bahnfahrten hat sich in den vergangenen 15 Jahren auf 125 Millionen pro Jahr verdoppelt, die U-Bahn, liebevoll „Tube“ genannt, schafft sogar 1,18 Milliarden Fahrten im Jahr. Doch es nicht reine Liebe allein zur Bahn, die die Briten zum Umsteigen treibt: London erhebt auch eine „congestion charge“, eine spezielle Mautgebühr für das Fahren innerhalb der Stadt, die das Autofahren sehr teuer macht – und viele zum Umsteigen verleitet. Zumal die immer weiter steigenden Wohnungspreise die Londoner Pendler immer weiter aus der Stadt treibt: Londoner brauchen morgens im Schnitt 75 Minuten, um an ihren Arbeitsplatz zu gelangen, was daran liegt, dass sie es sich nicht mehr leisten können oder wollen, in der Innenstadt zu wohnen. Carsten Herz

Kommentare zu " Bahnverkehr global: Kein Zug wird kommen"

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  • Ich bin begeisterter Bahnfahrer. Wer einmal von der deutschen Bundesbahn auf die Schweizer Bahn umgestiegen ist, erlebt einen Kulturschock. Nun, beim ICE sind die Unterschiede noch nicht groß, aber im Reginalzug trennen uns Welten. Auch die Pünktlichkeit ist vorbildlich.
    Wer jetzt behauptet, das läge daran, weil die Schweiz kleiner ist, der sollte in Betracht ziehen, daß die Taktungen und Entfernungen viel kleiner sind. Da können sich Störungen leichter ausbreiten. Die deutsche Bahn kann oft Verspätungen durch schnelleres Fahren ausgleichen.
    Das ist insgesamt auch leicht zu erklären, denn in der Schweiz hat die Bahn eine andere Priorität als in Deutschland. Da muß kein Geld an einen gierigen Aktionär ausgeschüttet werden sondern kann sinnvoll investiert werden. Auch Deutschland könnte wieder mehr Bahnland werden - das Potential dafür ist da. Das würde aber bedeuten, daß das Personal besser bezahlt werden müßte und auch mehr für die Infrastruktur gemacht wird. Und, wenn die Preise im Nahverkehr deutlich sinken würden, würden vielleicht auch mehr Menschen fahren. Und, viele Orte werden Abends überhaupt nicht mehr bedient. Bei mir ist ab ca. 22:00Uhr Schluß.
    Ich würde gern mehr mit der Bahn fahren.

  • für mich sind diese Streiks eine sehr angenehme Sache. Denn das alles fördert den Automobil- und Busverkehr.

    Gerade für die junge Generation sind Busse eine herrliche Sache. Denn es geht einfach nicht günstiger. Geschäftlich ist das Auto auch nicht zu toppen, besonders auf Geschäftsreiser.

    Als Mitarbeiter von einer Auto-Firma sehe ich das alles sehjr positiv.

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