Banken verlangen offenbar Konzernumbau
Arcandor erreicht das rettende Ufer

Arcandor hat die Finanzierung des Weihnachtsgeschäfts der Kaufhaustochter Karstadt gesichert. Die Konditionen, zu denen Vorstandschef Thomas Middelhoff für Liquidität in seinem angeschlagenen Unternehmen sorgen kann, werden jedoch schlechter.

DÜSSELDORF. Die Nettofinanzverbindlichkeiten des Essener Konzerns betrugen zuletzt 1,5 Mrd. Euro. Ende Juni platzierte Arcandor eine Anleihe über 275 Mill. Euro, die mit 8,9 Prozent verzinst wird. Als Sicherheit für die Anleihe dienen Aktien der Arcandor-Tochter Thomas Cook.

Ob sich nun auch die kreditgebenden Banken solch ein Pfandrecht gesichert haben, ist unklar. Die 508 Mill. Thomas-Cook-Aktien, die Arcandor hält, sind an der Börse 1,5 Mrd. Euro wert. Arcandor insgesamt wird von den Investoren nur mit 780 Mill. Euro bewertet. Das Versandhausgeschäft Primondo (Quelle) und die Kaufhäuser (Karstadt) mit einem Umsatzanteil von gemeinsam 40 Prozent und 50 000 Mitarbeitern sind damit wertlos.

Arcandor gestand am Mittwoch Abend bereits ein, der Konzern erwäge nun, die Beteiligungen an Thomas Cook und Karstadt Warenhaus zu reduzieren.

Dementsprechend hoch stufen nun Branchenexperten die Wahrscheinlichkeit ein, dass Middelhoff bei den aktuellen Kreditverhandlungen die Konzernperle Thomas Cook als Sicherheit einbringen musste. Ein Arcandor-Sprecher nahm hierzu keine Stellung und verwies auf die Aussage von Middelhoff, er rechne mit einem starken Weihnachtsgeschäft. Diese Ankündigung machte der Vorstandschef allerdings schon 2007, und damals brach das Weihnachtsgeschäft um acht Prozent ein. Von Bankenseite hieß es am Mittwoch: „Gehen Sie davon aus, dass die Versprechungen von Herrn Middelhoff als Sicherheit nicht ausgereicht haben.“

Die sich hinziehenden Verhandlungen hatten in der vergangenen Woche zu einem Kurseinbruch bei der Arcandor-Aktie geführt, nachdem der Kreditversicherer Euler Hermes angesichts der ungeklärten Situation seine Kreditlinien für den Konzern eingefroren hatte. Daraufhin machten Spekulationen über einen möglichen Verkauf der Arcandor-Anteile am Reiseveranstalter Thomas Cook die Runde. Der Jahresumsatz von Arcandor betrug 2007 rund 21 Mrd. Euro, der Bruttogewinn (Ebitda) lag bei etwa 900 Mill. Euro und stammte mehrheitlich aus dem Touristikgeschäft. Arcandor beschäftigt etwa 70 000 Mitarbeiter.

Der Essener Konzern bahauptete am Mittwoch bis zum Nachmittag zwar noch einmal generell, dass Thomas Cook nicht zur Disposition stehe, Arcandor nahm aber keine Stellung zu der Frage, ob die Konsortialbanken – etwa als Sicherheit für die Verlängerung des Kredits – ein Pfandrecht an dem Thomas-Cook-Aktienpaket oder Teilen davon erhalten haben. Auch die beteiligten Banken wollten auf Nachfrage zu diesem Thema nichts sagen. Erst am Abend stellte Arcandor klar, die Beteiligungen würden wegen des Refinanzierungskonzepts überprüft.

„Die Nachricht von der Einigung mit den Banken über die Refinanzierung wirkt wie ein Befreiungsschlag, doch nur, wenn sicher ist, dass der Thomas-Cook-Anteil nicht belastet wurde“, sagte Marc Tüngler, Geschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) dem Handelsblatt.

Aufklärung über die Einzelheiten der Kreditvergabe wünscht sich auch Sebastian Hein, Analyst beim Bankhaus Lampe. „Allerdings hat der Markt völlig überreagiert“, sagt Hein mit Blick auf die Kursentwicklung der Arcandor-Aktie in den letzten Tagen. Andere Aktienexperten verweisen darauf, dass der Konzern außer Thomas Cook notfalls auch noch über weitere – allerdings weniger attraktive – Assets wie die Versandhandelssparte Primondo mit dem traditionsreichen Versender Quelle und den TV-Verkaufskanal Home Shopping Europe (HSE 24) verfügt.

„Die Finanzkrise hat jetzt endgültig die Realwirtschaft erfasst“, beschreibt Aktionärsschützer Tüngler die sich allgemein verschlechternden Kreditbedingungen.

Arcandor kämpft nach wie vor mit großen Problemen vor allem bei der Warenhaussparte Karstadt. Nach einem Gewinneinbruch bei dem Tochterunternehmen musste der Konzern im Sommer die mittelfristige Ergebnisprognose deutlich senken. Außerdem kündigte das Unternehmen inzwischen den Abbau von bis zu 450 Stellen in der Essener Karstadt-Zentrale an.

Sönke Iwersen
Sönke Iwersen
Handelsblatt / Leiter Investigative Recherche
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