Baumwolle in Manchester
Sie spinnen wieder

Einst nahmen Spinnmaschinen Menschen die Arbeit weg – und heute die Roboter? Eine Ironie der Geschichte, dass jetzt bei Manchester wieder eine Spinnerei aufmacht. Dort, wo der Kapitalismus begann und seine Härten zeigte.

DüsseldorfAls Europas Herrschaft über die Baumwolle endete, spielten die Beatles gerade zum ersten Mal in den USA: An einem regnerischen Dezembermorgen des Jahres 1963 wurde die Baumwollbörse an der Old Hall Street versteigert – das frühere Herz Liverpools, die Stadt der Beatles und der Baumwolle. Ein Jahrhundert lang wurde hier von den Büros der „Liverpool Cotton Association“ ein Imperium gelenkt. Im 19. Jahrhundert kam 80 Prozent der weltweit produzierten Baumwolle aus dieser Region. Und es ist eine Ironie der Wirtschaftsgeschichte, dass die Briten jetzt ausgerechnet hier wieder Baumwolle spinnen wollen – grade zu Beginn der nächsten Industrie-Revolution.

Baumwolle mag heute ein Rohstoff von vielen sein. Aber historisch betrachtet steckt viel mehr dahinter: Baumwolle und seine Verarbeitung bildeten den Beginn der Industriellen Revolution, des Kapitalismus schlechthin. Mit der „Spinning Jenny“ begann 1764 der Siegeszug der Maschinen. Die Produktivität stieg in einem atemberaubenden Tempo. Spinnmaschinen ersetzten Arbeitskraft, so wie heute Roboter die Angestellten in den Werkshallen vermeintlich bedrohen.

Einst waren 350 Millionen Menschen mit dem Anbau und der Verarbeitung von Baumwolle beschäftigt – rund vier Prozent der Weltbevölkerung. „Das ist eine Zahl, die nie zuvor in der Weltgeschichte erreicht wurde“, schreibt der Historiker Sven Beckert in seinem viel beachteten Buch „King Cotton“. Baumwolle führte dazu, dass Menschen unauflöslich in Warenproduktion und –konsum eingebunden wurden. Zum ersten Mal verkauften sie ihre Arbeitskraft für eine bestimmte Stundenzahl pro Tag. Was heute selbstverständlich scheint, war damals neu. Wobei wir ja auch im Zuge der gerade beginnenden sogenannten Vierten Industriellen Revolution das Prinzip „Lohn gegen Zeit“ auf den Prüfstand stellen.

Ein Start-up mit deutschen Wurzeln

Nichts währt nun mal ewig. Und so dominieren in der Baumwollverarbeitung seit langem Länder in Fernost. Es dauerte nicht lange, als nach dem Ende der Baumwollbörse auch die britische Industrie niederging, was die Region rund um Liverpool und Manchester hart traf. Vor über 30 Jahren starb die Baumwollindustrie in Großbritannien – nun bahnt sich ein nicht für möglich gehaltenes Comeback an, das mehr als nur Folklore sein dürfte.

In diesen Tagen wird in Dukinfield, einer Kleinstadt nahe Manchester, ein neues Werk eröffnet – die erste Spinnerei seit Jahrzehnten.  „English Fine Cottons“ heißt das Unternehmen, ein Start-up mit deutschen Wurzeln: Es gehört zur Hälfte der Culimeta-Gruppe aus dem niedersächsischen Bersenbrück.

Kritiker mögen einwenden, dass die 69 Arbeitsplätze teuer erkauft sind: Eine Million Pfund schoss der Staat dazu. Außerdem gab es Darlehen über zwei Millionen Pfund aus einem Hilfstopf für strukturschwache Regionen. Damit war rund die Hälfte der Baukosten gedeckt. Und bisher sieht es so aus, als ob die kaufmännische Logik hinter dem Vorhaben durchaus trägt: Das Konzept kommt bei Kunden an, es gibt reichlich interessierte Kunden. Die Spinnerei ist klein, aber fein. Es geht darum, feinste Baumwolle aus den USA zu Edelgarn zu spinnen – bester Grundstoff für Luxusmarken, der mit authentischem britischem Flair wunderbar werben können.

900 Jahre lang war die Baumwollindustrie die wichtigste der Welt. Und ihr Zentrum war die Region, in der nun wieder gesponnen wird. Vielleicht geht von dieser Kleinstadt bei Manchester ein kleines Signal aus: Wer sich im Hinblick auf Roboter und vernetzte Maschinen Sorgen macht, dass bald nicht mehr genug Arbeit da ist, der sollte optimistisch bleiben: Mit Nischendenken, Qualitätsbewusstsein und guten Ideen haben die Menschen immer Arbeit gefunden.

Thorsten Giersch
Thorsten Giersch
Chefredakteur Business bei der Verlagsgruppe Handelsblatt / Geschäftsführer digital bei planet c
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