Behindertensport
Werbung mit Handicap

Der Behindertensport tritt zusehends aus seinem Nischendasein heraus. Das wachsende mediale Interesse sorgt dabei auch bei den Marketing-Verantwortlichen in Unternehmen für ein Umdenken. Zunehmend entdecken sie behinderte Sportler für ihre Kampagnen.

KÖLN. In dieser Reklame ist die Welt ausnahmsweise mal nicht in Ordnung. "Ich bin der Tag, an dem ich den Boden unter den Füßen verloren habe. Ich bin jeder Abend, an dem ich besoffen war vor Selbstmitleid." Es spricht Thomas Geierspichler im TV-Spot des österreichischen Mobilfunk-Anbieters Orange. Die Bilder zeigen den Autounfall, den Geierspichler als 18-Jähriger hatte - seitdem ist er vom Hals abwärts gelähmt. Der Zuschauer sieht ihn hilflos durch seine Wohnung kriechen. Doch Geierspichler rappelt sich auf, unterstützt von Freunden und Familie. "Ich bin die, für die ich immer schon der Beste war." Und am Ende sagt er: "Ich bin Olympiasieger und Sportler des Jahres."

"Durchhaltevermögen, Zielstrebigkeit, Beharrlichkeit" nennt Geierspichler seine wichtigsten Eigenschaften. Der 33-Jährige hat nicht nur den Alltag wieder in den Griff bekommen. Er ist dank hartem Training heute auch einer der Top-Sportler im Land. Bei den Paralympics 2008 in Peking holte der Renn-Rollstuhlfahrer die Goldmedaille im Marathon - er stellte dabei einen Weltrekord auf. Es folgte die Anfrage von Orange.

Nicht nur Geierspichler gelang der Durchbruch: "Der Behindertensport findet aus seinem Nischendasein heraus", sagt Petr Stastny, Geschäftsführer der Berliner Sportkommunikations-Agentur Adjouri & Stastny. Das wachsende mediale Interesse sorgt bei den Marketing-Verantwortlichen in Unternehmen für ein Umdenken. "Wenn sie die behinderte Sportler unterstützen, geht es nicht mehr wie früher nur um Sozial-Sponsoring", sagt Stastny. "Das Engagement wird zunehmend für klassische Kommunikation genutzt."

Vor allem dank üppiger TV-Präsenz erlebte eine Reihe von paralympischen Sportlern in Peking eine bis dahin unbekannte Aufmerksamkeit: In Deutschland berichteten ARD und ZDF mehr als 100 Stunden - acht Mal länger als vier Jahre zuvor bei den Paralympics in Athen. Respektabel 11,3 Prozent Marktanteil brachten die Berichte - etwa über die Schwimmerin Kirsten Bruhn aus Neumünster, die je einmal Gold und Silber sowie dreimal Bronze holte. Seitdem wird sie regelmäßig für Vorträge gebucht. "Wir streben nun den Schritt in Richtung klassische Werbung an", sagt Nina Schaal, Marketing-Managerin der Agentur Sports Pro-Emotion, die Bruhn vertritt.

Thomas Geierspichler hat das schon geschafft. Er wirbt neben Orange für den schweizerischen Aufzughersteller Schindler und den österreichischen Kran-Spezialisten Palfinger. Der Werbe-Film des Mobilfunk-Anbieters Orange lief etwa ein halbes Jahr im Fernsehen - länger als vorgesehen. "Der Spot hatte überdurchschnittlich gute Wiedererkennungswerte", sagt Werner Dauschek, Werbeleiter bei Orange in Wien. Das Firmen-Image habe spürbar profitiert: "Viele Menschen haben gesagt: Es ist gut, dass sich jemand mal traut, das zu thematisieren."

Erst seit September 2008 ist Orange in Österreich auf dem Markt. "Zusammen sind wir mehr" heißt die Kampagne, die die Marke etablieren soll. Man habe dafür keine Ski-Stars wie Franz Klammer oder Hermann Maier gewollt, sagt Dauschek. "Berühmtheitsgrad ist nicht so wichtig, es geht um Persönlichkeit. Ob behindert oder nicht, ist dabei egal."

Seite 1:

Werbung mit Handicap

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%