Bei einem Bergbauern im Berner Oberland dürfen Urlauber auf der Wiese schuften
Mit Kuh-Leasing gegen die Krise der Schweizer Tourismusindustrie

Ganz oben, wo sich Steinadler und Murmeltier Gute Nacht sagen, wo die Wasserfälle donnern und die Bäume längst aufgegeben haben, hier noch Wurzeln zu schlagen, dort im Berner Oberland in 1900 Meter Höhe, stemmt sich ein Schweizer erfolgreich gegen jenen Trend im Alpenlandtourismus, der derzeit deutlich nach unten zeigt.

BRIENZ. Nach ersten Schätzungen des Bundesamts für Statistik in Neuchatel gaben ausländische Gäste im vergangenen Jahr 3,5 % weniger Geld in der Schweiz aus als zuvor. In diesem Jahr dürfte die Summe noch einmal gesunken sein. Die Tourismusindustrie, nach der Chemie und den Banken eine der wichtigsten Branchen in der Alpenrepublik „steckt in der tiefsten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg”, stellt Jürg Schmid, oberster Tourismuschef im Alpenland, fest.

Paul Grossmann weiß von all dem nichts. Er liest keine Zeitung, hat kein Fernsehgerät, nicht einmal das Handy funktioniert. Es interessiert ihn auch nicht. Grossmann, seine Frau und seine sechs Kinder verbringen ihren Tag damit, dass sie oben auf der Alp über dem Brienzer See an die 80 Kühe hüten, dass sie deren Milch zu Käse verarbeiten, dass sie den Trampelpfad am Berghang in Ordnung halten – und dass sie Touristen ein einmaliges Erlebnis bescheren: Der Bergbauer verleast die Kühe, auf die er aufpasst.

380 Franken kostet so ein Leasingvertrag pro Saison. Dafür darf der Leasingnehmer einmal im Jahr vorbeikommen und arbeiten, bis er umfällt. Felsbrocken von der Alp schleppen zum Beispiel, damit sich die Kühe nicht verletzen. Für gestresste Großstädter ein einmaliges Erlebnis, versichert Grossmann und ein breites Lachen zieht sich über sein dreitagebartiges Gesicht. Außerdem haben die Kunden das Recht, soviel Käse, wie ihre Kuh im Jahr produziert, zum Vorzugspreis mit ins Tal zu nehmen.

Seitdem Grossmanns Arbeitgeber und Erfinder des Kuhleasings, Paul Wyler, seine Idee im Internet (www.kuhleasing.ch) veröffentlicht hat, kann er sich vor Anfragen nicht retten. Dieses Jahre sind alle Kühe ausgebucht. Wegen der zahlreichen Vorbestellungen sollen fürs nächste Jahr doppelt so viele zur Verfügung stehen.

Wyler wohnt unten im Tal. Er sitzt im rustikalen Büro seines Hofes, der halb den Kühen und halb einer Tischlerei gewidmet ist, die er auch noch betreibt. „Sage ja zu Deinem Schicksal, und alles wird Dir weniger bitter sein”, ist in geschnitzten Buchstaben auf dem Türbalken am Kuhstall zu lesen.

Wylers Schicksal ist es, täglich Anfragen zu beantworten, die ihn aus der ganzen Welt erreichen. Japaner, Engländer, Belgier – sie alle sind auf die Kuh gekommen. Unter den Interessenten seien Restaurants, die ihren Gästen zumindest auf einem Foto die Kuh zum Käse präsentieren wollen. Selbstverständlich bekomme jeder Kunde ein Zertifikat mit Bildnis von Elvira, Nina, Niagara oder wie die Kuh nun eben heiße, betont Wyler.

Solche, die auf der Suche nach einem originellen Geschenk seien, riefen bei ihm an. Vor allem Menschen, die in großen Städten wohnten, seien von der Idee begeistert. „Wir sind vom Echo völlig überrumpelt”, sagt der Leasingspezialist, der deswegen jetzt darangeht, die Idee weiter auszufeilen. „Wir tragen uns mit dem Gedanken, das System aufs ganze Oberland auszudehnen.”

Mit Hotels ließen sich Arangements treffen, damit die Leasingnehmer nach getaner Arbeit nicht bei Bauer Grossmann im Stroh, sondern in weichen Hotelbetten schlafen könnten. Auch Modelle, um eine Kuh an mehrere Kunden zu verleasen, seien denkbar. Wyler sprudelt vor Ideen.

Die Schweizer Tourismuswerber würden ihn dafür am liebsten umarmen. Sie sind wegen der Flaute im Geschäft derzeit händeringend auf der Suche nach Attraktionen. Der Spruch, den sie für ihre jüngste Werbeoffensive ausgeheckt haben, lautet „Schweiz ganz natürlich”. Und was gibt es natürlicheres als eine Kuh zu leasen?

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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