Berliner Verwaltungsrichter starten am morgigen Freitag Musterprozess um Wertheim-Erbe
Karstadt drohen Rückzahlungen

Für den Karstadt-Quelle-Konzern könnte es am Freitag vor dem Berliner Verwaltungsgericht zu einer weitreichenden Entscheidung kommen. In einem Musterprozess werden die Richter zu klären haben, ob der Handelskonzern ein mit 15 Mill. Euro bewertetes Grundstück an Berlins Leipziger Straße an die Jewish Claims Conference (JCC) abtreten muss.

FRANKFURT. Für die Essener steht bei diesem ersten deutschen Prozess um das Wertheim-Erbe jedoch noch weitaus mehr auf dem Spiel: Gelingt es ihnen nicht, den vorliegenden Bescheid des Landesamts für offene Vermögensfragen vor Gericht abzuwehren, der den Holocaust-Opfern die Liegenschaften bereits zugesprochen hat, dürften bald weitere Bescheide folgen. Sie könnten Karstadt-Quelle zwingen, insgesamt 50 Grundstücke mit einem Wert von 300 bis 500 Mill. Euro an die JCC abzugeben – und eine Prozesslawine in Gang setzen: Jeder Bescheid kann einzeln vor dem Verwaltungsgericht angefochten werden.

Die vorwiegend in Ostberlin gelegenen Grundstücke waren während der Nazi-Zeit „arisiert“ worden und nach 1945 an die sowjetischen Besatzer gefallen, die sie später den DDR-Machthabern übertrugen. Im Anschluss an die deutsche Wiedervereinigung sprach der Berliner Senat die ehemaligen Wertheim-Grundstücke dem Warenhauskonzern Hertie zu, der 1951 – in einem zweifelhaften Deal – die Firmenanteile der Wertheim-Erben für einen Spottpreis aufgekauft hatte. „Hertie hat dem Berliner Senat nach der Wiedervereinigung versprochen, seine Firmenzentrale an die Spree zu verlegen“, berichten Insider. Entsprechend begeistert habe man dem Konzern, der wenig später von Karstadt übernommen wurde und damit seine Umzugspläne begrub, 1991 Berliner Grundstücke geschenkt.

Doch vor dem Bundesverwaltungsgericht hatte die Berliner Entscheidung keinen Bestand. Zwar versäumten es die vorwiegend in den USA lebenden Wertheim-Erben, ihre Rückerstattungsansprüche fristgerecht bis 1992 anzumelden, an ihrer Stelle meldete sich aber die Jewish Claims Conference, für die solche Fristen nicht gelten. Und das mit Erfolg: Auf Drängen der Holocaustopfer-Organisation kassierten das Bundesverwaltungsgericht 1998 die vorschnelle Zusage zugunsten von Hertie/Karstadt. Seither eskaliert der Rechtsstreit.

Für den im November knapp der Insolvenz entgangenen Handelskonzern könnte es noch schlimmer kommen. Dem finanzschwachen Handelshaus drohen Rückzahlungen in dreistelliger Millionenhöhe.

Zu verdanken hat er dies seinem ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Walter Deuss. Der hatte, obwohl die Rechtslage unsicher war, im April 2000 eines der Filetstücke aus dem Wertheim-Erbe am Berliner Lenné-Dreieck an den Metro-Gründer Otto Beisheim verkauft – für 145 Mill. Euro. Sollte Karstadt-Quelle am Freitag im Rechtsstreit um die Leipziger Straße unterliegen, dürfte das Bundesamt für offene Vermögensfragen ebenfalls auch das Lenné-Grundstück der JCC zusprechen. In einem solchen Fall müssten die Essener den Verkaufserlös an die jüdische Organisation überweisen – vorausgesetzt, eine Revision bei den Verwaltungsgerichten misslingt.

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