Bestellungen zurückgegangen: Bahnindustrie befürchtet deutliche Einbrüche

Bestellungen zurückgegangen
Bahnindustrie befürchtet deutliche Einbrüche

Um mehr als ein Viertel sind die Bestellungen im vergangenen Jahr geschrumpft. Der Verband der Bahnindustrie befürchtet nun weiter rückläufige Umsätze. Das Dauer-Sorgenkind der Branche bleibt die Infrastruktur.
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BerlinDie deutsche Bahnindustrie befürchtet deutliche Einbrüche. Die Bestellungen neuer Züge, Lokomotiven und Infrastruktur seien 2012 im Vergleich zu 2011 - dem Jahr des ICx-Großauftrags - um 27,6 Prozent auf 10,5 Milliarden Euro zurückgegangen, sagte Verbandspräsident Michael Clausecker am Dienstag in Berlin. Doch auch im Vergleich zu 2010, einem Jahr ohne Spitzenauftrag, gebe es ein deutliches Minus. Vor allem die Nachfrage nach Loks und Zügen sei zurückgegangen.

Das Auftragsvolumen lag im vergangenen Jahr mit 10,5 Milliarden Euro erstmals seit 2009 wieder unter dem Umsatz. „Das bedeutet, dass sich unsere Branche mittelfristig auf eher rückläufige Umsätze und ein abnehmendes Auftragspolster einstellen muss“, warnte Clausecker.

Die Schuldenkrise in Europa und geringe staatliche Infrastruktur-Investitionen in Deutschland setzen der Branche aber zunehmend zu. "Unter der weltweit schwachen Konjunktur leiden vor allem die Auftragseingänge für Schienenfahrzeuge, dem Hauptgeschäftsfeld der heimischen Bahntechnikhersteller", sagte Clausecker. Etwa drei Viertel des Umsatzes werden damit erlöst, der Rest mit Gleisen, Weichen, Stellwerken und anderen Infrastrukturausrüstungen.

Weil sie zahlreiche Aufträge aus den Vorjahren endlich abrechnen konnte, fuhr die Bahnindustrie mit 10,7 Milliarden Euro trotzdem den zweitgrößten Erlös ihrer Geschichte ein. Im Spitzenjahr 2010 hatte sie 10,9 Milliarden Euro Umsatz erreicht. Vor allem das Auslandsgeschäft mit Schienenfahrzeugen habe wieder zugelegt, sagte Clausecker. Das Geschäft mit Infrastrukturausrüstung bleibe weiter das Sorgenkind der Branche. Hier habe es 2012 eine rückläufige Entwicklung um 3,4 Prozent gegeben.

Auch im wirtschaftlich robusten Deutschland ging die Transportleistung im Schienengüterverkehr 2012 um 2,4 Prozent zurück. "Das hat die Krise des Lokgeschäfts weiter verschärft", so Clausecker. "In wirtschaftlich unsicheren Zeiten halten sich insbesondere die privaten Lokomotivkunden mit Bestellungen zurück." Hinzu kämen Finanzierungsprobleme: Das Leasing-Geschäft für Loks - das für ein Drittel der Nachfrage sorgt - lahmt. Grund dafür ist dem VDB zufolge, dass viele Leasingunternehmen an Banken angedockt sind, die ihrerseits wegen der Finanz- und Schuldenkrise unter Druck stünden.

"Im Ergebnis stehen die Lokgeschäfte von mehreren Mitgliedsunternehmen zum Verkauf", erklärte Clausecker. Um Schlimmeres zu verhindern, müsse die Bundesregierung eine "Umweltprämie für Altloks einführen, um dieses Geschäftsfeld mithilfe von sinnvollen Anreizen zu beleben". Außerdem müsse der Staat mehr in die Infrastruktur investieren. So würden teilweise noch mechanische Stellwerke genutzt, die aus dem 19. Jahrhundert stammten. "Wir leben von der Substanz."

Erhebliche Schwierigkeiten bereite den Herstellern nach wie vor die Zulassung von Zügen und Loks, betonte Clausecker. Deutschland leiste sich ein Zulassungswesen, das mit der technologischen Entwicklung nicht Schritt halten könne.

Die Bahnindustrie sucht ihr Heil zunehmend im Ausland. Die Exportbestellungen legten um fast neun Prozent zu. "Ganz wesentliche Märkte für uns sind China und Russland, wo eine Belebung der Nachfrage feststellbar ist", sagte der Verbandspräsident. Ein besseres Abschneiden werde durch langwierige Zulassungsverfahren in Deutschland verhindert. "Nur in Deutschland müssen Hersteller heute rund das Zehnfache an Dokumenten vorlegen als in vielen anderen Ländern", sagte Clausecker. Neue Züge im Wert von 550 Millionen Euro stünden buchstäblich auf dem Abstellgleis, weil das Eisenbahn-Bundesamt die Zulassung versage.

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur
Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur

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