Besuch auf der Ostpro
„Herrlich, was wir für einen Scheiß hatten!“

Auf der Ostpro-Messe können Besucher DDR-Produkte erwerben und in „Ostalgie“ schwärmen. Es kommen vor allem Rentner, viele sind Stammgäste. Gemeinsam gehegte Vorurteile gehören auch 25 Jahre nach dem Mauerfall dazu.

BerlinStellen Sie sich mal vor, unser Land würde verschwinden. Nicht der Boden und nicht die Menschen. Aber alles drumherum. Ihre Boss-Anzüge wären auf einmal mega-out, Ihr BMW peinlich. Es gäbe keine Kanzlerin mehr und keine Coca-Cola, keinen Euro und kein Aspirin. Unsere Kinder würden die Raupe Nimmersatt nicht mehr kennenlernen und keine Panini-Bildchen. Von heute auf übermorgen wäre das alles weg und eine neue, andersfarbige und anders riechende Welt würde uns umschließen. Vielleicht würden wir sie ja lieben, diese Welt, und unseren Platz in ihr finden. Vielleicht käme aber auch der Tag, an dem uns der Geruch von Persil zu Tränen rühren würde. Weil er uns daran erinnerte, wie wir früher waren, als uns unser Land und unser Leben noch selbstverständlich schienen.

Anders ist die Menschen-Schlange nicht zu erklären, die sich schon am Freitagmorgen um neun Uhr gebildet hat, eine Stunde vor Öffnung der Ostpro, eine Messe für Ost-Produkte in Berlin. Es sind hauptsächlich Rentner gekommen, die meisten von ihnen Stammgäste. Wenn sie gehen, tragen sie in ihren Plastiktüten das Knäckebrot Filinchen, die Kinderbücher mit dem Maulwurf, das Mehl der Marke Kathi, Rondo-Kaffee und Herzgut-Käse, den Kurz-Koch-Reis Kuko oder die Tiefkühlklöße von Oderfrucht („Ohne Kloß nichts los“) nach Hause.

Eine Frau kauft 20 Packungen Kekse am Stand von Wikana. Dass die traditionsreiche Keksfabrik aus der Lutherstadt Wittenberg heute auch „Fair Trade“ und mit Quinoa produziert, was die Gesundheitsbewussten jetzt überall in Deutschland essen, stört sie überhaupt nicht. Es ist die Marke, an der ihr Herz hängt, Wikana, so hieß er eben, der Keks ihrer Kindheit. „Ist ja bald Weihnachten“, sagt sie, als sie die übervollen Tüten entgegennimmt, und das ist nicht zu übersehen. Gemessen an der Anzahl der Stände auf der Ostpro scheinen Christstollen und Kerzen aus dem Osten besonders wettbewerbsfähig gewesen zu sein.

Viele Produkte aus dem Osten haben die Wende nicht überlebt. Ihre Produktion war zu teuer oder die Qualität nicht massentauglich. Die schmutzabweisenden und bügelfreien Tischdecken aus Polyester zum Beispiel, „die bekommen Sie nur noch bei mir“, sagt der Verkäufer. Im Westen hätten sich die Osttischdecken nie durchgesetzt, „die West-Frauen arbeiten ja nicht und bügeln gern.“ Eine Kundin nickt zustimmend. Nichts eint so sehr wie ein gemeinsames Vorurteil, geteilt bei Schwarzbier und Schmalzstulle.

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Rotkäppchen will mit Ostalgie nichts zu tun haben

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