Betrugsfall
Heros – die unglaubliche Geschichte

Die Ära des Geldtransportgeschäfts Heros ist eine Geschichte von Aufstieg und Fall, von Geiz und Gier, von Ignoranz und Behörden-Versagen. Am Ende haben Heros-Manager 540 Millionen Euro veruntreut. Der Beziehungsstreit um ein kleines Mädchen bringt die Ermittler auf die heiße Spur eines der größten Betrugsskandale der deutschen Nachkriegstgeschichte.

BERLIN. Der 17. Februar 2006 ist für große deutsche Handelskonzerne, Banken und Versicherer ein Schock. Ermittler verhaften den Chef von Heros, des größten deutschen Geldtransportunternehmens, Karl-Heinz Weis, und mit ihm drei seiner Manager. Schnell wird bekannt: Bei Heros sind einige hundert Millionen Euro an Kundengelder veruntreut worden. Die Insolvenz steht bevor. Bei Heros-Kunden wie Rewe, Tengelmann oder der Deutschen Bank versuchen beunruhigte Manager festzustellen, wie viel Geld sie verlieren könnten. Die Mannheimer Versicherung fürchtet angesichts der bei ihrem Kunden Heros veruntreuten Summen hohe Verluste. Die Bundesbank prüft, ob die Geldversorgung des deutschen Handels noch gesichert ist. An diesem Tag fliegt einer der größten Betrugsskandale der deutschen Nachkriegsgeschichte auf. Enthüllt wird das schier unfassbare Kriminalstück nicht wegen misstrauischer Kunden, penibler Wirtschaftsprüfer oder besonders aufmerksamer Kriminalbeamter. Der Grund dafür, dass der Heros-Betrug aufgedeckt wird, ist ein sechsjähriges Mädchen.

Dessen Mutter, Verena Seidel*, ist 28 Jahre alt und Geldzählerin in einer Heros-Niederlassung in Viersen. Dort arbeitet sie eng mit ihrer Freundin Saskia Born*, einer langjährigen Führungskraft, zusammen. Born hat früh gemerkt, dass in dem Unternehmen etwas nicht stimmt, dass Top-Manager in großem Stil Geld der Kunden veruntreuen. Seitdem greift auch sie zu, jahrelang. Sie baut ein Haus, fährt neue Autos, leistet sich teure Reisen. Auf Fragen nach ihrem auffälligen Wohlstand sagt sie meistens, eine Oma oder ein Opa sei gestorben, sie habe geerbt oder auf dem Dachboden der Verschiedenen Geld oder Schmuck gefunden. Unter Kollegen heißt es: „So viele Omas und Opas kann doch niemand haben.“ Verena Seidel sagt dazu nichts. Schließlich hat sie von ihrer großzügigen Freundin einfach mal so 30 000 Euro geschenkt bekommen.

Dann treibt Born es im Jahr 2004 zu weit. Als ein Mitarbeiter ihr Büro betreten will, ist die Tür verschlossen; von innen tönt es: „Moment, ich habe eine Laufmasche.“ Kurz darauf tritt Born aus der Tür. Mehrere Kolleginnen können durch die Maschen ihres Strickpullovers sehen, dass sie einen prallgefüllten Geldsack darunter versteckt hat. Diese Plumpheit geht selbst für Heros-Verhältnisse zu weit. Ihr Chef Manfred Diel, der selbst tief in die Kundenkassen greift, entlässt sie. Prompt erpresst Born ihre Chefs: 500 000 Euro, oder sie packe aus. Die Heros-Führungsgruppe hat keine Wahl. Wie in einem schlechten Krimi fahren Heros-Chef Weis, der Viersener Filialleiter Diel sowie sein Hamburger Kollege Reimer Weingertner zum verabredeten Treff an einer Autobahnraststätte bei Viersen. Aus einer geparkten Limousine heraus beobachten Weis und Diel, wie Weingertner der Erpresserin das Geld überreicht.

Kurz darauf bekommt deren Freundin Verena Seidel Ärger im Betrieb und denkt an Kündigung. Als Born das hört, sagt sie angeblich prompt: „Aber mit leeren Händen gehst du nicht.“ Sie ermutigt Seidel dazu, die Heros-Chefs ebenfalls zu erleichtern. Und so schreibt Seidel einen simpel formulierten („Guten Tag Herr Diel, . . . ich kenne die Lage von Viersen und Hamburg. Ich weiß auch, was überall rausgezogen wird. Ich bin ja nicht dumm“), aber wirksamen Brief an ihren Chef. Nach einem kurzen Treffen sind die Konditionen klar: Seidel soll 150 000 Euro erhalten, zahlbar in zehn Monatsraten. Geld ist für die Heros-Manager kein Problem, schließlich bewegen sie täglich bis zu 600 Millionen Euro. Hauptsache Seidel schweigt.

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