Billigboom kontra Konjunkturflaute
Deutschland einig „Aldi-Land“

„Discount ist in“, auf diese knappe Formel brachte es der auch sonst um lockere Sprüche und freche Werbung nie verlegene Autovermieter Erich Sixt, als er seinen jüngsten Coup vorstellte. Mit der Tochtergesellschaft Sixti steigt er in das Billigsegment ein und befindet sich damit in guter Gesellschaft. Auch andere Konzerne wie der Touristikriese Tui, die bisher nicht als Discounter den Markt aufrollten, wollen neue Kunden erobern.

HB/dpa BERLIN. Sonderangebote oder „Geiz ist geil“-Kampagnen in verschiedensten Branchen sollen die Kapazitäten auslasten. Bahnchef Hartmut Mehdorn etwa macht, „was der Einzelhandel auch tut: Schweinebacke, nur heute zum halben Preis“. Und Internetseiten wie www.geizkragen.de gehören hier zu Lande zu den meistbesuchten Portalen. Deutsche Verbraucher sind zwar bekannt dafür, dass sie zuallererst auf den Preis schauen. Auf dem Weg ins „Aldi-Land“ und „Discounter-Paradies“ sehen Verbraucherschützer und Markenexperten die Bundesrepublik dennoch nicht. Zumal die Schnäppchenangebote oft nur begrenzt sind.

Discount-Neulingen wie Sixt und Tui blieb die Entwicklung in anderen Branchen sowie unmittelbarer Konkurrenten nicht verborgen. Während das angestammte Geschäft stagniert oder sinkt, trotzen die auf Schnäppchenjäger setzenden Wettbewerber der Konsumflaute. Vor allem im Lebensmittelhandel haben Discounter wie Aldi seit Jahren Erfolg und legen auch in schwachen Zeiten zu. Inzwischen gilt ein Aldi-Einkauf sogar als kultig. In der Luftfahrt sind Billig-Airlines etablierten Konzernen trotz der Branchenkrise davon geflogen. „Das Signal für mich war die Nachricht, dass 80 % aller Deutschen bei Aldi einkaufen“, gab denn auch der Sixt-Chef unumwunden zu.

Binnennachfrage kommt nicht in Gang

Das wirtschaftliche Umfeld forciert die „Aldisierung“. Das geringe Wirtschaftswachstum in Deutschland wird allenfalls von den Exporten getragen, die Binnennachfrage kommt nicht in Gang. Konjunkturforscher sprechen schon von einem „neuartigen Stagnationsphänomen“. Gleichzeitig steigt die Sparquote. Nach dem „S-Wort“ (Stagnation) machte das „R-Wort“ (Rezession) die Runde. Inzwischen ist sogar von Deflationsrisiken die Rede - der Gefahr also, dass Preise über einen längeren Zeitraum auf breiter Front einbrechen und Verbraucher Einkäufe in der Hoffnung auf noch größere Schnäppchen verschieben.

Entsprechend kleiner sind die Verteilungsspielräume geworden. Schnäppchenjäger werden nicht mehr länger Konkurrenten überlassen. Um die „völlig neuen Kundengruppen“ anzusprechen, bauen die Konzerne neben ihrem Kern-Geschäft parallel zu den anderen Sparten die neuen Billigsegmente auf. Teils auch unter anderem Namen. Um die eigenen Kapazitäten auszulasten, schickt Tui beispielsweise die neue Marke „Discount Travel“ an den Start. Auch mit „Sixti“ wird auf klare Abgrenzung zum klassischen Vermietgeschäft gesetzt. Eine „Kannibalisierung“ sei daher nicht zu befürchten, hofft Sixt.

Markenartikler werden nicht müde, vor „Preisschleuderei“ und einer „Wertvernichtungsspirale“ zu warnen. „Handel und Industrie tun sich langfristig keinen Gefallen“, sagt Andreas Kühner vom Markenverband. Der Wunsch der Konsumenten müsse zwar respektiert werden. Verbraucher dürften aber nicht noch dazu erzogen werden. Um den Markengedanken zu stärken, startete der Verband im Mai für 25 Mill. € eine Kampagne „Die Marke. Etwas anderes kommt mir nicht in die Tüte“.

Der Bundesverband der Verbraucherzentralen (VZBV), der Billigflieger wegen der Lockangebote abgemahnt hat und auf transparente Rabatt-Listen pocht, will die Discountwelle „weder begrüßen, noch verteufeln“. Es müsse Segmente geben, die alle Bedürfnisse bedienen. Aber Unternehmen seien gut beraten, nicht nur auf Billig-Strategien zu setzen, meint VZBV-Sprecher Christian Fronczak. „Deutschland ist kein Standort, der auf billig setzen kann. Das ist von den Kosten her nicht durchzustehen."

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