Billigflieger
Bald nur noch Handgepäck bei Ryanair

Nach Strafgebühren für den Flughafen-Check-In, Zuschlägen für Übergewichtige und Toiletten-Gebühren kommt nun der neueste Coup von Ryanair-Chef Michael O'Leary: Der irische Billigflieger will künftig keine Koffer mehr am Schalter annehmen. Passagiere sollen ihr Gepäck selbst ins Flugzeug tragen.

HB DÜSSELDORF. Wer künftig mit Skiern oder anderem schweren Gepäck in den Urlaub fliegen will, wird wohl eher nicht bei Ryanair buchen. Ab Frühjahr 2010 sollen Passagiere des irischen Billigfliegers nur noch Handgepäck mitnehmen und dies selbst zum Flugzeug tragen, wie der um keine Sparidee verlegene Ryanair-Chef Michael O'Leary laut Nachrichtenagentur Bloomberg am Dienstag mitteilte. An Bord soll das Gepäck dann in den Deckenfächern verschwinden, oder, wenn diese voll sind, im Frachtraum.

Geplant sind ab Oktober Tests bei einigen Flughäfen in Europa "Das ist nicht das Ende der Zivilisation", sagte O'Leary in London. Es klinge zwar revolutionär, "doch das ist es gar nicht". Ryanair wolle durch das neue System 20 Mio. Euro an Flughafengebühren im Jahr einsparen. Und wie so oft, wenn O?Leary etwas Neues ausheckt, belohnte die Börse den umtriebigen Airline-Chef umgehend: Die Aktie stieg am Dienstag in Dublin um 2,7 Prozent auf 3,22 Euro.

Was die neue Gepäckregel für die Sicherheitsvorkehrungen an den Flughäfen bedeutet, ist unklar. Weder die britische Luftaufsichtsbehörde noch der Flughafenbetreiber BAA - dem neben London-Heathrow auch die wichtige Ryanair-Basis Stansted gehört - wollten sich bislang zu den Plänen äußern. Man brauche erst weitere Details, sagten Sprecher zu Bloomberg. Auch O'Leary ließ wissen, die Einzelheiten müssten noch ausgearbeitet werden.

Kritik an dem neuen System sieht er gelassen. Bereits jetzt würden ohnehin rund 70 Prozent der Passagiere den Schalter meiden. Kein Wunder: Die Gepäckgebühren bei Ryanair sind bereits happig. Kostenlos ist nur ein Stück Handgepäck bis zu zehn Kilogramm. Darüber hinaus sind drei Gepäckstücke mit insgesamt 15 Kilo erlaubt - das erste allerdings kostet beim Check-In zehn Euro, jedes weitere 20. Und für jedes Kilo Übergepäck werden noch mal 15 Euro fällig.

Die Bordkarte muss übrigens zu Hause ausgedruckt werden. Wer ohne den Wisch am Flughafen erscheint, zahlt eine Strafgebühr von 40 Euro. Doch auch online einchecken kostet: fünf Euro Bearbeitungsgebühr, genauso viel wie für die Buchung. Eine Kreditkartengebühr fällt meist auch noch an.

Erst im April hatte O'Leary Prügel einstecken müssen, als er öffentlich darüber nachdachte, von übergewichtigen Passagieren einen Zuschlag zu verlangen. Dieser Plan ist inzwischen in der Schublade verschwunden. Nicht aber die Idee, für die Toilettenbenutzung an Bord die Hand aufzuhalten. Dies werde weiterverfolgt, bekräftigte der Airline-Chef.

Ryanair kann sich das leisten. Der Billigflieger, die europäische Nummer eins nach Marktkapitalisierung, ist ein Gewinner der Wirtschaftskrise. Selbstbewusst hatte O'Leary Anfang Juni angekündigt, im laufenden Jahr bis zu 300 Mio. Euro Gewinn machen zu wollen. Er wolle 200 bis 300 Flugzeuge kaufen und die Strecken übernehmen, die die gebeutelten Linienflieger aufgeben müssten. Sogar von einer Übernahme der Lufthansa war die Rede. O'Leary: "In Kontinentaleuropa haben wir noch eine Menge von Gelegenheiten".

Nils Rüdel
Nils Rüdel
Handelsblatt / Deskchef Politik
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