Börsenchef erhofft sich weniger Widerstand von der LSE als noch vor vier Jahren
Seifert lässt nicht locker

Werner G. Seifert, Vorstandschef der Deutschen Börse AG, holt zum großen Schlag aus. Mit einer Übernahme der London Stock Exchange (LSE) würde er die Börse mit einem Schlag an die Spitze der europäischen Handelsplätze katapultieren, weit vor dem direkten Rivalen Euronext.

FRANKFURT/M. Seifert hatte sich bei dem Versuch, mit der LSE zusammenzugehen, schon einmal eine blutige Nase geholt. Im Jahr 2000 war eine Fusion zwischen London und Frankfurt unter dem Namen IX geplant. Doch das Projekt scheiterte an mannigfaltigem Widerstand. In Frankfurt fürchteten viele Kritiker den „Ausverkauf“ des hiesigen Finanzplatzes. Der Handel mit den wichtigsten Aktien, den „Blue Chips“, sollte nach London abwandern. Frankfurt hätte nur den „Neuen Markt“ behalten – das wäre für den Finanzplatz Deutschland ein Fiasko gewesen, denn die Wachstumsbörse wurde nach diversen Skandalen längst eingestellt. Ausschlaggebend für das Scheitern war letztlich aber der Widerstand der britischen Broker, die – spiegelbildlich zu den Sorgen in Frankfurt – herbe Einbußen an Einfluss und Geschäft fürchteten.

Seitdem hat sich die Lage verändert: Anders als 2000 sind heute sowohl Deutsche Börse als auch LSE börsennotiert – eine Ablehnung der Offerte aus Deutschland allein auf Grund „politischer“ Erwägungen wäre für die LSE damit recht schwer. Schließlich muss das Management die Interessen der Aktionäre im Auge behalten. Seifert selbst wählt zudem eine andere Strategie als beim ersten Mal. „Wir werden den Fehler von IX nicht wiederholen, der darin bestand, dass wir zu weit reichende regulatorische Veränderungen anstrebten“, betonte er gegenüber dem Handelsblatt. Das Londoner Marktmodell soll ebenso wie regulatorische Rahmenbedingungen erhalten bleiben. Dazu zählt, dass auch die Abwicklung der Börsengeschäfte (Clearing und Settlement) weiter bei den lokalen Anbietern LCH Clearnet und Crest verbleibt und nicht auf die Deutsche Börse übergehen soll.

Allerdings plant die Börse den Aufbau einer gemeinsamen Handelsplattform mit der LSE, in Seiferts Terminologie „eine platform of the future“. Wie die aussehen soll und was dann mit der Xetra-Plattform der Deutschen Börse passiert, beantwortet er derzeit ebenso wenig wie die Frage, zu welchen Konzessionen Frankfurt bereit wäre, um London die Übernahme schmackhaft zu machen. In Frankfurt fürchten Banker bereits, dass der deutsche Finanzplatz unter einer Fusion leiden könnte. „Seifert muss London etwas bieten“, unkt ein Frankfurter Investmentbanker. Im Falle einer Übernahme dürften ganze Börsen- Abteilungen an die Themse abwandern, möglicherweise sogar der Firmensitz, fürchtet der Banker. Auch der Name könnte sich ändern. „Die Deutsche Börse wird nicht mehr Deutsche Börse heißen.“ Das wäre keine große Überraschung, Seifert hatte den Namen schon in der Vergangenheit zur Disposition gestellt, als er bemerkte, die Börse sei „weder nur eine Börse noch deutsch“.

Für die Deutsche Börse als Unternehmen wäre eine Übernahme Londons dagegen mit Sicherheit ein Gewinn. Experten warten schon seit langem darauf, dass die europäischen Börsen fusionieren. Dass dies möglich ist, beweist die französisch dominierte Euronext, die aus der Fusion der Börsen Paris, Brüssel und Amsterdam entstanden ist. Mittlerweile gehört auch die portugiesische Börse zu Euronext. Die Vier- Länder-Börse hat sich darüber hinaus mit dem Kauf der Terminbörse Liffe ein Standbein in London geschaffen. In Skandinavien ist aus dem Zusammenschluss von Stockholm, Helsinki, Kopenhagen und den baltischen Staaten mit OMX ein regionaler Anbieter entstanden.

Dagegen hat sich die Deutsche Börse unter Seifert nach dem IX-Flop nicht im Aktienhandel, sondern auf anderen Spielwiesen des Börsengeschäfts international ausgedehnt. Ein Meilenstein war die milliardenschwere Übernahme des Wertpapierabwicklers Clearstream. Damit sicherte sich die Börse den Zugriff auf einen Großteil der Wertschöpfungskette im Wertpapierhandel. Größter Hoffnungsträger ist derzeit die Expansion der Terminbörse Eurex in die USA. Die Eurex, an der neben Frankfurt auch die Schweizer Börse beteiligt ist, unterhält seit Anfang des Jahres einen Ableger in den USA. Dagegen scheiterte kürzlich ein weiterer Expansionsversuch Seiferts: Die Schweizer Börse lehnte im Sommer eine Fusion mit den Deutschen ab.

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