Bord-Knigge
Der Kampf um die Kniefreiheit

Erstmal im Flugzeug eingecheckt, heißt es: zurücklehnen oder nicht? In den USA gab es wegen dieser Frage Ausschreitungen an Bord mit dramatischen Folgen. Grund genug für einen Flugzeug-Knigge.
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DüsseldorfNotlandung wegen der Rückenlehne: Gleich zwei Mal ist es in den USA  in der vergangenen Woche zu Ausschreitungen im Flugzeug gekommen. Auslöser dafür: die Kniefreiheit eines Passagiers.

Wer schon länger in Flugzeugen gesessen hat, weiß, wie nervig es sein kann, wenn der Vordermann seinen Sitz nach hinten klappt. Ein 48-jähriger Mann schien für dieses Problem auf dem Flug von Newark nach Denver die optimale Lösung gefunden zu haben: den sogenannten „Knee Defender“ (zu deutsch in etwa: Knie-Verteidiger). Das Gerät ist 80 Gramm schwer und kostet 22 Dollar. Seine Funktion: Den Vordermann am Zurücklehnen hindern.

Kneedefender.com

Optimal ist der Knee Defender nämlich nur für den, der es anbringt. Man befestigt das Plastikteil so an dem Sitz des Vordermanns, dass dieser sich anschließend nicht mehr zurücklehnen kann – keinen einzigen Zentimeter.

Auf seiner Webseite www.kneedefender.com preist der Hersteller sein Produkt besonders für Vielflieger an. Es sei ein „Reiseaccessoire“, das den Reisenden erleichtern soll, auf dem Flug zu arbeiten beziehungsweise den Komfort der Beinfreiheit zu genießen.

Doch arbeiten konnte der 48-Jährige aus den USA nur solange bis ihm die Passagierin, die vor ihm saß, Wasser ins Gesicht kippte. Laut einem Bericht der britischen Tageszeitung „The Guardian“ hatte sie, ebenfalls 48 Jahre alt, den Unruhestifter gebeten, den Knee Defender zu entfernen. Als er nicht reagierte, griff die Frau zum Glas. Am Ende musste das Flugzeuge wegen der beiden Streithähne sogar notlanden.

Nur vier Tage später gab es einen ähnlichen Vorfall: Ein 61-jähriger Franzose wollte mit der Fluggesellschaft American Airlines von Miami nach Paris fliegen. Angekommen ist er lediglich in Boston – genauso wie alle anderen Passagiere in dem Flugzeug.

Der Grund: Die Frau vor dem 61-Jährigen. Als die Passagierin ihren Sitz zurückklappte, wurde der Pariser binnen kürzester Zeit so wütend, dass er nicht nur seine Mitreisenden störte; er griff sogar ein Mitglied des Bordpersonals an.

Um den Konflikt zu lösen, sah die Fluggesellschaft keine andere Möglichkeit als den Mann in Handschellen zu legen und mit dem Flieger in Boston zwischenzulanden. Ein Stopp,  für den der Franzose im Bostoner Gefängnis landete.  Nun muss er sich wegen Behinderung des Flugzeugpersonals im Dezember vor Gericht verantworten.

Kommentare zu " Bord-Knigge: Der Kampf um die Kniefreiheit"

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  • Sie wollen eigentlich verraten, gemäß Bildunterschrift, wie man sich trotzdem anstän-dig benehmen kann. Aber außer mit dem Nachbarn Kontakt aufzunehmen, kam kein Hinweis. Diese Kontaktaufnahmen pasierte m.E. sogar relativ oft, zum Vordermann so gut wie nie!
    Ist Ihnen eigentlich aufgefallen, dass der angebliche Schläfer auf dem Bild seinen Sitz noch gar nicht in Schlafposition gebracht hat.
    Ihr Redakteur beurteilt die Kniefreiheit und das Recht auf Zurücklehen als gleichwerti-ges Gut!? Dem angeblichen Verhaltensexpete und Vorsitzende im Deutschen Knigge-Rat, Herren Rainer Wälte, ist zu widersprechen.
    Erst kürzlich hat meine Frau durch das zurückklappen der Sitzlehne einen frisch gebrüh-ten Kaffee auf ihren Schoß bekommen und sich Verbrennungen zugezogen, ganz zu schweigen von den eigesauten Kleidern.
    Herr Wälde billigt den Vordermann Bewegungsfreiheit zu und was ist mit der des Hintermannes? Habe ich als Hintermann die Verpflichtung mit gebucht mir meine Kniescheiben lädieren zu lassen (ich betrachte das als Folter!) oder habe ich ein Recht auf körperliche Unversehrtheit? Muss ich zu Gunsten meines Vordermannes auf Essen und Trinken verzichten? Wie wollen Sie etwas lesen wenn der Vordermann auf Ihrem Schoß liegt? Dass ich mich auch auf den Schoß meines Hintermannes legen kann, ist wohl keine Lösung!
    Es gibt Fluggesellschaften die das Problem in den Griff bekommen. Einfach durch ent-sprechende Ansagen der Crew.
    Dann gibt es die Anderen, die durch Nichtstun, zur Eskalation des Streits beitragen. Es gehören die Fluggesellschaften auf die Anklagebank und nicht die Passagiere.
    Nachdem ein deutsches Gericht schon im Sinne von Herr Wälde entschieden hat, hätte ich sofern ich bei dem Vorfall mit meiner Frau dabei gewesen wäre, das Ganze noch einmal gerichtlich aufgerollt. Ich bin der Überzeugung, dass auch die Fluggesellschafen eine Verpflichtung haben, alles für die Unversehrtheit (§ 2 GG) ihrer Flugreisenden zu unternehmen.

  • Leider kann ich nur aus eigener Erfahrung bestätigen, dass manche Menschen sich überhaupt nicht um die Gesundheit ihrer Mitmenschen scheren. Als 191 cm kleiner Sitzzwerg drückt eine nach hinten geneigte Lehne direkt gegen meine Kniescheiben, welche in der Luft schweben. Da die Sitze aus Gewichtsgründen immer tiefer gesetzt werden verschlimmert sich die Situation mit jeder neuen Sitzgeneration! Auch ein Hinweis an das Kabinenpersonal wird in der Regel mit einem lapidaren Kommentar ignoriert! Insofern halte ich den "Knieschutz" als eine die "Gesundheit erhaltende" Maßnahme.
    PS: Die Möglichkeit die Sitze am Notausgang den "Langen" vorzubehalten wäre ja eine Möglichkeit, wird aber auch von keiner mir bekannten Airline wahr genommen!

  • Meine Erfahrungen zum Thema "Schlechtes Benehmen" mache ich auf jedem Flug und immer wieder. Grundsätzlich scheinen die Anweisungen des Flugpersonals einigen Passagieren völlig egal zu sein:
    - telefonieren und mailen im Flieger, bis man schon zu Startbahn gerollt ist (man ist ja soooo wichtig)
    - Telefon wieder einschalten und wieder mailen und labern noch bevor das Flugzeug die Parkposition erreicht hat (hier mal der Durchsage der Flugbegleiterin zuhören)
    - abschnallen noch bevor der Flieger in der Parkposition steht und die Anschnallzeichen erlöschen
    - Gedränge im Gang, weil jeder zuerst aus dem Flieger will
    - dichtes Gedränge am Gepäckband statt mit etwas Abstand zu warten, bis der eigenen Koffer dann tatsächlich kommt

    Einfache Regeln, deren Nicht-Einhaltung leider zum Sport geworden ist. Disziplin scheint es nicht mehr zu geben. Vielmehr hat man auf Reisen das Gefühl von immer mehr Egoisten umgeben zu sein. Da kommt der Knee-Defender ja gerade richtig.

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