Boston Consulting Group-Chef im Handelsblatt-Interview
"Stellenkürzungen sollten das letzte Mittel sein"

Der Deutschlandchef der Unternehmensberatung Boston Consulting Group, Christian Veith, warnt Unternehmen, in der Krise zu stark auf Entlassungen zu setzen. "Entlassungen sollten wohl überlegt sein. Wer zu viele qualifizierte Leute vor die Tür setzt, gefährdet die Zukunft", mahnt Veith im Interview mit dem Handelsblatt.

Handelsblatt: Herr Veith, Berater sollten von Berufs wegen für alle Probleme von Unternehmen eine Lösung parat haben. Aber Hand aufs Herz: Macht Sie diese Krise nicht ziemlich ratlos?

Christian Veith: Keiner hat heute die richtige Antwort parat - auch wir Berater nicht. Denn keiner hat Vergleichbares erlebt. Was diese Krise besonders schwierig, aber zugleich auch einfacher macht: Sie ist ebenso umfassend wie weitreichend und damit einzigartig. In einer solchen Situation steigt in allen Unternehmen die Bereitschaft für grundlegende Veränderungen, für kreative Zerstörung im Schumpeter'schen Sinne. Die internen Widerstände gegen Veränderung nehmen dramatisch ab. Das erweitert den Handlungsspielraum des Managements und macht die Überzeugungsarbeit auch für uns Berater einfacher.

Berater haben vielen Unternehmen in den vergangen Jahren schon harte Schlankheitskuren verordnet. Gibt es überhaupt noch Fettpolster, die sich wegschneiden lassen, ohne an die Substanz zu gehen?

Vor fünf sechs Jahren hatten wir eine Restrukturierungswelle. Damals haben viele Unternehmen kräftig abgespeckt. Aber in den Jahren danach, die teilweise sehr gut waren, leisteten sich viele Firmen Dinge, die sie nicht unbedingt brauchen. Zudem schleifen sich in sehr guten Jahren ineffiziente Prozesse ein. Zweifellos gibt es in vielen Unternehmen noch Möglichkeiten für Einsparungen.

Sind diese automatisch mit dem Abbau von Personal verbunden?

Eine fundamentale Restrukturierung ohne Stellenkürzungen kann ich mir praktisch kaum vorstellen. Doch das sollte das letzte Mittel sein. Andere Maßnahmen wirken schneller als Personalabbau und vermeiden Nebenwirkungen: Unternehmen können etwa ihr Umlaufvermögen optimieren, ihre Produktlinien straffen, Forderungen effizienter eintreiben. Entlassungen sollten wohl überlegt sein. Wer zu viele qualifizierte Leute vor die Tür setzt, gefährdet die Zukunft.

Verbauen sich Unternehmen durch einen zu strikten Sparkurs also Wachstumschancen?

Wenn Firmen nur auf die Kostenbremse treten, werden sie nach der Krise unter den Folgen zu leiden haben. Es ist beispielsweise töricht, Forschung und Entwicklung zu vernachlässigen. Auch beim Marketing zu streichen ist problematisch, obwohl es sofort Einsparungen bringt. Weitsichtige Manager investieren gerade jetzt in Werbung und Forschung.

Haben Unternehmen denn überhaupt geeignete Steuerleute an Bord, die sie aus der Krise manövrieren können?

Die Verantwortung der Entscheider, aber auch der auf ihnen lastende Handlungsdruck ist heute größer als je zuvor. Zwar haben viele Manager schon Erfahrung mit Krisen und Restrukturierungen, aber diese Krise hat eine neue Dimension. Daher ist auch die Unsicherheit besonders groß. Gefragt sind jetzt Entscheider, die im Team den Blick über die Krise hinaus richten auf eine veränderte Wirtschaftswelt. Schönwetterstrategen sind dagegen ebenso fehl am Platze wie hektische Sanierer.

Welcher Führungsstil empfiehlt sich für Krisenmanager?

Genauso wichtig wie strategischer Weitblick ist ein menschlich anständiger Umgang mit den Mitarbeitern. Die sind sehr verunsichert - von der Telefonistin bis zur Führungskraft. Manager müssen jetzt klar kommunizieren und motivieren, sonst erhöhen sie die Unsicherheit und verlieren ihre besten Leute.

In Krisenzeiten haben Unternehmen guten Rat besonders nötig. Einige Konzerne wie Siemens aber wollen auf externe Berater möglichst verzichten...

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