Branche sucht händeringend nach neuen Konzepten
Pauschalreisen locken immer weniger Kunden

Die Tourismusbranche steht vor einem gewaltigen Umbruch: Immer mehr Urlauber wollen später buchen und individueller reisen. Nur noch bei Spezialanbietern steigen die Umsätze.

HB DÜSSELDORF. Volle Strände an der Nord- und Ostsee, kaum noch freie Ferienbetten von Bayern bis zu den Kanaren: Nach Terror, Konjunkturkrise und SARS-Epidemie scheint in der Tourismusbranche die Welt endlich wieder in Ordnung. Doch der Eindruck aus der heißen Hochsaison täuscht. Das Verbraucherverhalten hat sich drastisch verändert – verzweifelt suchen die Anbieter nach Strategien, wie sie an frühere Markterfolge anschließen können.

Tourismusexperten sehen die Reisebranche vor einem gewaltigen Umbruch. „In den 80er- und 90er-Jahren wuchs die Touristikindustrie doppelt so schnell wie das Bruttoinlandsprodukt. Diese goldenen Zeiten sind vorbei“, sagt Dieter Schneiderbauer vom Beratungshaus Mercer Consulting. Die Kunden „buchen später, wollen individueller reisen, wechseln ihre Urlaubsart und sind deutlich preissensibler“. Eine Pauschalreise, lange Zeit der große Wachstumstreiber der Touristiker, buchen laut Schneiderbauer nur noch 44 % aller Urlauber. Die schwer getroffenen Branchenriesen Tui und Thomas Cook versuchen gegenzusteuern: In den neuen Winterkatalogen werden die Preise im Schnitt um 11 % gesenkt. Mit Frühbucher-Rabatten soll der Urlauber zudem wieder zur zeitigen Buchung erzogen werden.

Dabei lachen sich viele kleinere Anbieter ins Fäustchen: Während Tui und Thomas Cook Umsatz einbüßen, wachsen Spezialveranstalter wie der Last-Minute-Anbieter L’Tur oder die konzernunabhängige Alltours, die für 2003 wieder 4,5 % mehr Umsatz anpeilt, in der Krise munter weiter – nicht zuletzt, weil sie im Preiswettbewerb die Nase vorn haben.

Für Otto Normalverbraucher ist das nichts

Seine bisherige Unbeweglichkeit will Marktführer Tui nun mit einer flexibleren Preissteuerung beseitigen. So verzichtet die Tui-Tochter Airtours, Spezialist für hochwertige Fernreisen, als erster Veranstalter auf Preisteile im Katalog. Den aktuellen Preis soll der Kunde fortan über Internet oder im Reisebüro erfragen. Die Katalogausschreibung mit Preisen, die eine ganze Saison gültig sein sollen, habe „ausgedient“, ist sich Airtours-Chef Fred Ladwig sicher.

Doch Ameropa-Geschäftsführer Martin Katz ist skeptisch: „Das mag gehen für eine Klientel reiseaffiner Menschen im gehobenen Segment, doch für Otto Normalverbraucher ist das nichts.“ Für Alltours-Chef Willi Verhuven ist der Katalog gar „unverzichtbarer Qualitätsbestandteil des Reisevertrags“. Airtours werde sicher nach einigen negativen Erfahrungen „sehr schnell den Preisteil nachliefern“. Bei der Tui selbst wird das Modell ebenfalls tief gehängt. Es sei ein „Testballon“ für den Markt mit individuell zusammenstellbaren Reise-Elementen.

Fehlende Preisflexibilität ist nur eines der Probleme der beiden Branchenriesen Tui und Thomas Cook. Auf dem Prüfstand steht auch das gesamte Modell der integrierten Touristikkonzerne, die ihren Kunden vom Flug über das Hotel bis zum Ausflug am Urlaubsort alles aus einer Hand bieten und mehrfach in der Wertschöpfungskette kassieren wollen. Während Mercer-Berater Schneiderbauer an die Vorteile dieses Businessmodells glaubt, sind andere Branchenbeobachter zunehmend skeptisch: „Microsoft baut keine Computer, Intel keine Drucker, BMW hat keine Reifenproduktion. Der Anspruch, alle Wertschöpfungsstufen kontrollieren zu wollen, führt in die Irre“, urteilt das Branchenblatt „Travel-One“.

„Bei den Großen kommt die Strategie vor dem Geschäft“, unkt der frühere Tui-Manager Jürgen Branse, der inzwischen den Billigflieger Germania Express leitet. Alltours-Chef Verhuven wird noch deutlicher: „Die Integration funktioniert nicht, das haben die Großen falsch gemacht. Der Gast lässt sich nicht in die eigenen Airlines und Hotels steuern.“

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