Branchenführer Migros kämpft im Lebensmittelhandel mit geringeren Margen
Deutsche setzen Schweizer Einzelhändler unter Druck

Unter den Schweizer Einzelhändlern gibt es derzeit vor allem ein Thema: Wie wirkt es sich auf den eigenen Umsatz und Gewinn aus, wenn die deutschen Discounter Aldi und Lidl wie angekündigt im kommenden Jahr ihre ersten Filialen in der Schweiz eröffnen?

ZÜRICH. Der größte Einzelhändler des Landes, die Migros, versuchte darauf gestern bei der Vorlage seiner Jahresbilanz in Zürich eine Antwort zu finden. „Wir haben uns gut vorbereitet“, sagte Konzernchef Anton Scherrer und verwies darauf, dass die Sortimente der Migros trotz der Teuerung in der Schweiz von 0,8 Prozent im vergangenen Jahr 0,3 Prozent billiger geworden sind. „In unserem Markt herrscht nicht erst seit heute Wettbewerb und Margendruck.“

Tatsächlich hält sich beides allerdings in Grenzen. Die Preise im Schweizer Einzelhandel liegen nach Angaben der Wettbewerbskommission in Bern etwa ein Fünftel über den deutschen Preisen. Den Markt teilen sich vor allem Migros und Coop. Die Nummer drei, der Discounter Denner, kommt etwa auf elf Prozent Marktanteil.

Die Migros, mit rund 80 000 Mitarbeitern das größte Schweizer Unternehmen und die Nummer elf im europäischen Einzelhandel, legte auch dank dieser bisher unerschütterlichen Konstellation gestern eines der besten Ergebnisse ihrer Geschichte vor. Während Gegenspieler Coop im vergangenen Jahr einen Rückschlag hinnehmen musste, hat die Nummer eins des Schweizer Einzelhandels den Gewinn um fast die Hälfte auf 545 Mill. Schweizer Franken (356 Mill. Euro) verbessert.

Im Vergleich zum Umsatz von mehr als 20 Mrd. Franken relativiert sich das Ergebnis allerdings, wie Finanzchef Jörg Zulauf einräumte. Die effektive Gewinnmarge beträgt nur 2,7 Prozent des Umsatzes. Der Branchenführer verdankt zudem seinen Gewinnsprung zum großen Teil nicht-operativen Tätigkeiten. So verbesserte sich allein das Finanzergebnis um 17 Mill. Franken, die Steuerlast sank um zwölf Mill. Franken. Dass das Unternehmen in seinem Kerngeschäft kaum zulegen konnte, hängt wiederum mit dem erwarteten Markteintritt der Deutschen zusammen: Migros hat seine Niedrigpreislinie M-Budget massiv ausgebaut. Zählten 2002 nur 150 Artikel zum Billigsortiment, sind es inzwischen 350. Dadurch sinkt in diesem Bereich die Marge. Dem Marktanteil bekommt die Strategie allerdings: Er stieg um 0,3 Prozent. Konkurrent Coop, der erst später seine Billiglinie lanciert hatte, musste 2004 den Marktanteilsverluste einstecken.

Im laufenden Jahr will Migros nochmals zulegen. Der Umsatz soll zwei Prozent steigen. Beim Gewinn ist der abtretende Konzernchef Scherrer jedoch erneut vorsichtig. Sein noch nicht benannter Nachfolger, sollte zumindest das Niveau des vergangenen Jahres halten können.

Investieren wird Migros vor allem in neue Obi-Baumärkte. Die Schweizer betreiben die Baumarktkette als Franchise-Unternehmen in ihrem Land und planen, zu den vier vorhandenen Standorten fünf weitere zu eröffnen. Dabei stößt der Konzern allerdings auf den Widerstand der Schweizer Umweltverbände, die solche Vorhaben mit Hilfe eines umstrittenen Verbandsbeschwerderechts erheblich verzögern können. Auch Aldi und Lidl kennen dieses Problem. Sie müssen ihre Märkte entgegen ihrer Gewohnheit mit nur wenigen Parkplätzen ausrüsten, um nicht ins Visier der Umweltschützer zu geraten.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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