Brasilien
Inflationsbekämpfung auf Hochtouren

Noch im letzten Jahr rief Finanzminister Guido Mantega den "Währungskrieg" und die Real-Aufwertung als oberstes Ziel aus. Doch nun will manzuallererst einen weiteren Anstieg der Inflationsrate verhindern.
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São Paulo

Eine weitere Aufwertung des Reals wird stattdessen in Kauf genommen. Offiziell hat der Finanzminister den Strategiewechsel zwar noch nicht verkündet. Ein sicheres Indiz allerdings ist, dass die Zentralbank zuletzt nicht mehr eingegriffen hat, als der US-Dollar unter die Marke von 1,60 Real gefallen ist.

Gleichzeitig haben die Währungshüter letzte Woche den Leitzins auf zwölf Prozent erhöht. Ökonomen rechnen damit, dass der Dollar bis zum Jahresende sogar auf 1,50 Real sinken könnte. "Die Regierung hat erkannt, dass eine weitere Stärkung des Reals unvermeidlich ist", heißt es bei Barclays Capital.

Eine Stärkung des Reals wäre der Regierung bei der Inflationsbekämpfung sogar hilfreich. Der stärkere Real verbilligt die Importe und reduziert damit den Inflationsdruck. Außerdem sind die Kosten einer weiteren Stützung des Dollars zu hoch: Rund 330 Milliarden Dollar hat Brasilien als Devisenreserven mittlerweile angehäuft, um die Aufwertung des Reals zu verhindern. Doch die Strategie ist teuer, denn Brasilien zahlt für die Differenz zwischen brasilianischem Hochzins und niedrigen Dollarzinsen.

Kritik vom Internationalen Finanzinstitut (IIF)

Außerdem ist die Inflationsgefahr zuletzt deutlich gestiegen. Die Zentralbank erwartet, dass spätestens im Juni die Teuerung das obere Limit von 6,5 Prozent des Inflationsziels überschreiten wird. Das Internationale Finanzinstitut (IIF), als führendes Bankengremium weltweit, kritisiert, dass Brasilien zu wenig gegen die zunehmende Geldentwertung unternehme. Auf 7,5 Prozent Inflation könnte die Inflation im August anwachsen. Nach der neuesten Umfrage der Zentralbank erwartet die Mehrheit der Ökonomen, dass es Brasilien erst Ende 2012 gelingen wird, die Inflation auf fünf Prozent zu senken.

Letzte Woche hatte Finanzminister Mantega zuerst die Steuern auf ausländische Kapitalinvestitionen ausgeweitet - und dann auch noch die lokalen Kreditsteuern verdoppelt. Die Maßnahmen waren von den Finanzmärkten als zu schwach kritisiert worden, um eine Aufwertung des Reals zu verhindern. Denn im ersten Jahresquartal verzeichnete die brasilianische Kapitalbilanz ein Plus von 35,6 Milliarden Dollar, fast 50 Prozent mehr als in ganz 2010. Es war der größte Kapitalzufluss aller Zeiten.

Ausländische Investoren engagieren sich in Brasilien wegen der hohen Zinsen. Es ist deshalb kaum zu erwarten, dass der Kapitalfluss nach Brasilien so bald versiegen wird. Erst wenn auch die USA die Zinsen erhöhen, dürfte der Aufwertungsdruck in Südamerika sinken. "Es ist sinnlos, gegen die langfristige Aufwertung des Reals mit kurzfristigen Maßnahmen gegenzusteuern", sagt der Ökonom Luiz Carlos Mendonça de Barros.

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika

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