Brezeltütchen gestrichen.
Sparwahn der US-Airlines treibt skurrile Blüten

Erst ging das Essen flöten, dann wurden die Kopfkissen einkassiert und jetzt wurden auch noch die Salzbrezel gestrichen - die amerikanischen Fluggesellschaften sparen an allen Ecken und Enden.

HB WASHINGTON. „Was kommt als nächstes, zehn Cent für ein Blatt Klopapier?“ fragen Vielflieger verärgert auf Reisewebseiten, nachdem die Gesellschaft Northwest im Juni die Streichung der kleinen Snack-Tütchen auf Inlandsflügen angekündigt hatte. „Als weitere Sparmaßnahme schaltet Northwest künftig auf jedem Flug eines der beiden Triebwerke ab“, frotzelt die Satirepublikation „Hirntod“.

Den US-Fluggesellschaften steht das Wasser bis zum Hals. Da machen die Sanierer selbst vor den kleinsten Sparposten nicht halt. Northwest, die Nummer vier der Branche, will an den Brezeln zwei Millionen Dollar im Jahr sparen. Branchenprimus American Airlines hofft seine Rechnung um 675 000 Dollar zu drücken, weil keine Kissen mehr an Bord sind, die gewaschen, geflickt und ersetzt werden müssen.

Northwest bestellte auch die Zeitschriften ab, was 500 000 Dollar spart. Continental strich auf Transatlantikflügen die Plastikmesser vom Frühstücktablett - Sparpotenzial: 85 000 Dollar im Jahr. Frühstück ist ein Luxus, den es auf den meisten Inlandsflügen schon lange nicht mehr gibt, von Mittag- oder Abendessen ganz zu schweigen. Wer auf längeren Strecken kein eigenes Stullenpaket dabei hat, schaut in die Röhre oder greift tief in die Tasche: Manche Gesellschaft bietet labbrige Sandwiches für mehrere Dollar an.

„Wir lassen im Handgepäck jetzt immer Platz fürs Familien-Picknick“, sagt Jean Roth, die mit Mann und vier Kindern aus Washington des öfteren zur Oma an die Westküste fliegt. Der Flug dauert rund fünf Stunden. Roth verzichtet aus Rücksicht auf die Mitpassagiere auf aroma-intensive Delikatessen wie Ei-Brote - doch ist längst nicht jeder Passagier so rücksichtsvoll. Roth fand sich selbst schon einmal zwischen einem Tunfischsalat zur rechten und einer daheim gebratenen Frikadelle zur linken im Mittelsitz wieder.

„Das ganze geht zu weit“, sagt David Rowell, der in Seattle einen Newsletter für Reisende verfasst. „Mit den Bretzeln spart Northwest 18 Cents pro Passagier, das ist ein Zehntel Prozent des durchschnittlichen Ticketkosten. Die müssen aufpassen, dass ihnen nicht irgendwann mehr als ein Zehntel Prozent der Passagiere den Rücken kehren.“ Für die Lufthansa käme das alles nach Angaben von Unternehmenssprecher Klaus Walther nicht in Frage. „Das ist eine reine US-Erscheinung. Wir positionieren uns als Qualitätsnetzwerk, für uns wäre das kein Weg aus der Krise.“

Die US-Fluggesellschaften haben nach eigenen Angaben keine Wahl. US Airways und die Nummer zwei, United, fliegen bereits unter Gläubigerschutz. American entging dem vor zwei Jahren knapp. Delta droht auch mit dem Gang zum Konkursrichter und will fünf Mrd. Dollar einsparen. Während es nach dem Passagiereinbruch durch Terrorangst und die Lungenkrankheit SARS in anderen Weltregionen längst wieder aufwärts geht, fliegen die großen Linien in den USA noch immer in den roten Zahlen. Die Verluste beliefen sich im vergangenen Jahr zwischen 348 Mill. Dollar bei US Airways und 1,6 Mrd. Dollar bei Delta.

Viele der so genannten Billigflieger fliegen dagegen munter in der Profitzone. Der größte, Southwest, machte im vergangenen Jahr 564 Mill. Dollar Gewinn. „Klar, sie haben vor ein paar Jahren mit neuen Flugzeugen angefangen, fliegen nur populäre Routen und haben nur ein Drittel der Lohnkosten“, sagt Reiseexperte Rowell.

Paradoxerweise sehen die Billigflieger gegen die Großen inzwischen richtig luxuriös aus: Kopfkissen gehören zum Beispiel zur Grundausstattung. Sie haben ihren Marktanteil in den vergangenen 15 Jahren verfünffacht und fliegen heute ein Drittel der US-Inlandspassagiere.

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