Brot und Brötchen: Was kostet unser Essen wirklich?

Brot und Brötchen
Was kostet unser Essen wirklich?

Nichts essen wir häufiger als Brot und Brötchen. Wie kann es sein, dass ein Brötchen hier 13 und dort 30 Cent kostet? Und welchem der beiden gehört die Zukunft? Eine Erkundungsreise entlang zweier Produktionsketten, die unterschiedlicher kaum sein könnten.
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Man könnte den großen Blechkasten in der Stuttgarter Aldi-Süd-Filiale für einen Pfandautomaten halten, stünde vorne nicht in großen Buchstaben „Backofen“ drauf. Ein breites Schubfach, ein paar bunte Plastikknöpfe und die Ansatzpunkte für den Vierkantschlüssel, wenn sich innen eine Plastikflasche verhakt. Hier aber steht: „Wir backen frisch für Sie von früh bis spät.“ Also einmal drücken, rechts außen beim Weizenbrötchen. Es rumpelt kurz im Inneren der Kiste, schon fällt das Brötchen herab und landet mit vernehmbarem Rums auf dem Holzrost. Goldbraun ist die Kruste, angenehm warm ist es, gerade so weich, dass man es noch eindrücken kann, und schon so hart, dass die Kruste dabei ein bisschen splittert. Egal, ob man die Taste um 8 Uhr morgens drückt oder kurz vor Ladenschluss um 21 Uhr. Der Preis: 13 Cent.

Eine halbe Autostunde entfernt, in der Bäckerei Leins in Wurmlingen, einen Hügel westlich von Tübingen. Rund 50 Brötchen, die hier „Tafelweckle“ heißen, liegen in einem Weidenkorb. Nie sehen sie gleich aus, das eine Weckle ist etwas dunkler, das andere ein bisschen heller. Keines ist mehr warm und alle werden mit schwäbischem Singsang von den beiden Verkäuferinnen über die Theke gereicht. Grüß Gott, vier Weckle und ein Dinkelschrot, darf es sonst noch etwas sein, also dann, ade, und schöne Grüße daheim. Nur ein Weckle für Sie? Macht 30 Cent.

Alltag in Deutschland, beides. In diesem Land, das den Discounter erst erfunden, dann in die Mitte seiner Gesellschaft aufgenommen und schließlich zum weltweiten Exportschlager gemacht hat, kaufen acht Millionen Menschen Brötchen und Brot bei Aldi, Lidl und Co. Gleichzeitig gibt es rund 12.000 Bäckereien, die nicht nur Backwaren, sondern auch Lokalkult und ein Schwätzchen mitliefern. Der Markt, um den beide konkurrieren, ist hochlukrativ und wächst rapide.

Seit 2003 hat sich der Wert der produzierten Backwaren um über 50 Prozent von 9,1 auf 14 Milliarden Euro erhöht. Es gibt kein anderes Lebensmittel, das wir häufiger verspeisen als Brot und Brötchen, 60 Kilo jedes Jahr. Ob als Semmel in Bayern, als Schrippe in Berlin, Rundstück im Norden oder Weckle in Schwaben – das, was im Bäckerlatein Schnittbrötchen heißt, gibt es überall. Und ist unglaublich simpel in der Herstellung. Wasser, Mehl, Hefe, mehr braucht kein Mensch. Dennoch steht am Ende ein fast 130-prozentiger Preisunterschied. Kann ein so simples Produkt so unterschiedlich viel kosten? Die Antwort gibt der Backautomat mit jedem Rums. Ja. Ja. Ja.

Der Preisunterschied ist also geeignet, um zweierlei zu erklären: die unsäglichen Methoden, mit denen die Preiskämpfer aus Mülheim, Essen und Neckarsulm das alte Handwerk ruinieren. Oder das Festhalten an unnützen Ritualen und überzogenen Preisen, mit denen die einstigen Dorfmonopolisten ihren Untergang herbeiführen.

Die Bäckerstüte ist damit längst ein politisches Statement. Denn wenn es etwas gibt, das die Deutschen emotional umkämpfen, dann die Frage: Was essen wir eigentlich? Bei Friseuren interessiert sich kaum einer für Niedriglöhne, doch klagen die Milchbauern über niedrige Preise, solidarisiert sich die halbe Republik. Und ob mit oder ohne Chemiegrundkurs hat fast jeder eine Meinung zu Glyphosat. Beim Thema Essen kann jeder mitreden.

Das Brötchen auf Knopfdruck und das Weckle aus dem Weidenkorb sind also mehr als die Frage des Preises. Sie sind mehr als nur das Resultat von moderner Industrie, alten Methoden und der Wirtschaft im Jahr 2016. Deshalb stellt sich eine Frage, um den Preis zu verstehen: Was passiert wirklich zwischen Ähre und Brötchentüte?

Kommentare zu " Brot und Brötchen: Was kostet unser Essen wirklich?"

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  • "Mein" Bäcker (Metzger) ist selber schuld an seinem Niedergang. Es gibt eben immer weniger Dumme, die sich vom Geschwafel einer angeblich besseren Qualität, edlerer Handarbeit und besserer Ökologie über den Tisch ziehen lassen. Die Angst vom Nachbarn ausgegrenzt zu werden, wenn man ökonomisch einkauft, wird immer kleiner und die Gesichter der Öko-Abzocker immer blasser.

  • Diese Geschichte ist schon 20 Jahre alt, aber macht nix: Eine Bekannte arbeitete in der Außenwohngruppe eines Kinderheims - also der Übergangsstufe vor der Volljährigkeit, Alter ab 16. Viele der Jugendlichen machten eine Lehre, einige bei Bäckern.

    Als meine Bekannte mal für den Sonntag einen Kuchen nach Hausfrauenart buk, staunten die Bäckerlehrlinge nicht schlecht: Kuchenteig stellten sie her, indem sie nach Anleitung Backmischung und Wasser in die Knetmaschine kippten. "Da sind Eier drin??"

    Da kann man gleich Fabrikware kaufen.

  • Wiegen sie mal so ein 13 Cent Brötchen ab, wie leicht es ist,
    Nach einem Tag Lagerzeit ist es völlig ausgetrocknet und bockelhaft.

    Bockelhart, meinte ich natürlich.

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