Centro Oberhausen
Frust im Einkaufsparadies

Im September 1996 wird das Centro in Oberhausen eröffnet. Heute hat der riesige Einkaufstempel, der so manchen Einzelhändler in der Umgegend ruinierte, selbst Probleme. Die ökonomische Wochenschau.

OBERHAUSEN. Lustlos baumeln Nylon-Slips und BHs von den verrosteten Rundständern. In Pink und Neon schreien sie nach Kundschaft. Doch die Massen, die an diesem Laden vorbeieilen, stören sich nicht an den grellen Farben und nicht an den übergroßen Plakaten im verschmierten Schaufenster, auf denen das Wäschegeschäft "Ivence" mitten in der Oberhausener Fußgängerzone seinen "Sale" bewirbt. "Wir schließen am 13. September." Nicht zufällig. Einen Tag zuvor hat in Oberhausen, einst Zechen- und Hochofenstadt, eine neue Ära begonnen.

Der Tag, mit dem in Oberhausen alles anders werden soll, ist der 12. September 1996, die graue Stadt malt sich die Zukunft golden aus. Wo bis 1992 noch die traurige Ruine des ältesten Stahlkochers im Revier gestanden hatte, zelebrieren die Stadtväter den Urknall des tertiären Sektors. Grund ist ein gigantisches Einkaufszentrum auf der Thyssen-Industriebrache, Name "Centro", damals größer als jedes andere in Deutschland. Es soll ein Sanierungsprogramm für eine ganze Stadt werden.

Es ist 14 Uhr, als Johannes Rau Seite an Seite mit dem Investor Eddie Healey das grüne Band zur Eröffnung durchtrennt. Rau, später Bundespräsident, ist damals Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen. Er gibt ein Haus frei mit Anbietern wie Kaufhof, C&A, Sinn-Leffers und 200 weiteren Shops - ein Haus, das in der gebeutelten Schwerindustrie-Metropole eine "Neue Mitte" geprägt hat. Das jedenfalls behaupten noch heute Hunderte von Wegweisern in der Stadt.

1,15 Milliarden Euro Investitionsvolumen, 70 000 Quadratmeter Shoppingfläche, 10 500 kostenfreie Parkplätze, eigener Autobahnanschluss, kreuzungsfreie Bus- und Straßenbahntrasse direkt vorm Centereingang und laut aktuellen Zahlen 65 000 Besucher täglich. Das klingt rekordverdächtig.

Und es ist vorläufiger Höhepunkt einer Entwicklung, die Anfang der 70er-Jahre mit dem Rhein-Ruhr-Zentrum in Mülheim begann. Der Düsseldorfer Architekt Walter Brune hatte das erste deutsche Shoppingcenter nach amerikanischem Vorbild entworfen, dessen Bau läutete in der Branche ein Wettrüsten ein, das bis heute andauert. Brune hat später mit den Schadow-Arcaden und dem Kö-Carrée in Düsseldorf Baugeschichte geschrieben, und unzählige Investoren sind seinem Beispiel gefolgt.

Zuletzt starteten in Essen am Limbecker Platz ein Mega-Center und gestern in Duisburg das Forum, auch Dortmund wird ein Haus öffnen. Leverkusen will in seiner Stadtmitte sogar das Rathaus beseitigen, um dort einen Einkaufstempel nach dem Vorbild des "Centro" zu bauen. In Oberhausen werden in der ersten Jahreshälfte kommenden Jahres erneut die Bagger anrücken, um dem "Centro" für 100 Millionen Euro Baukosten gut zusätzliche 30 000 Quadratmeter Fläche anzuflanschen, dazu 3 500 Parkplätze. Die Verkaufsmaschine will geölt werden. Einen Großteil der Fläche hat sich der Textilhändler Peek & Cloppenburg gesichert.

Die Konkurrenz sieht sich das alles nicht tatenlos an. Nachbargemeinden wollten den Expansionstrieb der Oberhausener verhindern. Sie zogen bis vors Bundesverwaltungsgericht nach Leipzig. Sie unterlagen, doch Oberhausens Klaus Wehling kommt noch immer schnell in Rage, wenn man ihn darauf anspricht.

"Egoismen in der Region", schimpft er dann. Wehling war mal Berufsschullehrer, inzwischen ist er Oberbürgermeister der Stadt. Seine Markenzeichen: grauer Schnäuzer, rote Krawatte.

Seite 1:

Frust im Einkaufsparadies

Seite 2:

Seite 3:

Seite 4:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%