„Chance vertan“
Hapag-Lloyd und Hamburg Süd bleiben getrennt

Die beiden großen deutschen Linienreedereien Hapag-Lloyd und Hamburg Süd kommen nicht zusammen. Die Fusion hätte die viertgrößte Reederei der Welt hervorgebracht. Damit ist eine große Chance erst einmal verpasst.
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HamburgDie Fusion der beiden größten deutschen Reedereien Hapag-Lloyd und Hamburg Süd zu einem globalen Schifffahrtsriesen ist am Kampf der Großaktionäre um die Macht gescheitert. Die Eigentümer hätten „keine Einigkeit über eine partnerschaftliche Ausgestaltung der Transaktion“ erzielt, teilten die Hapag-Lloyd-Großaktionäre, der Reisekonzern TUI und das „Albert-Ballin“-Konsortium um den Logistikunternehmer Klaus-Michael Kühne, mit. Der Bielefelder Nahrungsmittelkonzern Oetker, dem Hamburg Süd gehört, habe bereits in der vergangenen Woche die Reißleine gezogen, sagten mehrere Insider am Montag. Kühne hatte die Verhandlungen in den vergangenen Wochen mit der Forderung nach einer Fusion "auf Augenhöhe" und einem späteren Börsengang belastet.

Eine Hintertür ließen sich die Verhandlungspartner dennoch offen: Die Projektarbeiten seien "vorerst" eingestellt, hieß es in der Mitteilung des Konsortiums. „Das Projekt ist noch nicht begraben“, hieß es auch im Umfeld von Oetker. Hamburg Süd sprach in einer Stellungnahme von einer "Unterbrechung" der Arbeiten an der Fusion. "Der Beirat und die Geschäftsführung von Hamburg Süd sind weiterhin davon überzeugt, dass der Zusammenschluss ... für beide Unternehmen wie auch für den Schifffahrtsstandort Hamburg von außerordentlich großem Nutzen wäre", betonte die Reederei. Auch gegen einen Börsengang habe Oetker nach einer Fusion nichts - sofern "bestimmte Voraussetzungen" vorlägen. In Verhandlungskreisen hieß es, Kühne habe ein Vetorecht gefordert, obwohl sein Anteil an dem fusionierten Konzern deutlich unter 25 Prozent läge.

Die Nummer sechs und die Nummer zwölf unter den weltweit größten Container-Reedereien wären gemeinsam zur Nummer vier in der unter Überkapazitäten leidenden Branche aufgestiegen, mit mehr als 250 Schiffen, 11.000 Beschäftigten und einem Umsatz von über zehn Milliarden Euro. Weltmarktführer ist die dänische Maersk, gefolgt von Mediterranean Shipping (MSC) und CMA CGM.

Hamburg Süd und Hapag-Lloyd hatten sich Insidern zufolge mindestens eine halbe Milliarde Euro Einsparungen vorgenommen - ein großer Beitrag zur Bewältigung der vier Jahre schwelenden Branchenkrise. Zusammen hätten sie womöglich höhere Frachtraten durchsetzen können. „Da gibt es erstmal nur Verlierer“, sagte ein Insider aus dem Investoren-Konsortium. Allein die größere Hapag-Lloyd hatte 2012 einen Verlust von 128 Millionen Euro erwirtschaftet, Hamburg Süd legt keine Geschäftszahlen vor.

Alle Reedereien leiden - in unterschiedlichem Maße - unter der globalen Konjunkturschwäche, den gewaltigen Überkapazitäten und den gestiegenen Treibstoffkosten. Banken schreiben einen immer größeren Teil ihrer Schiffskredite ab.

Hapag-Lloyd und Hamburg Süd hatten kurz vor Weihnachten überraschend Überlegungen über einen Zusammenschluss öffentlich gemacht. Eine „Idealkonstellation“, jubelte Kühne zunächst. Doch die unterschiedlichen Interessen der Eigner ließen sich nicht unter einen Hut bekommen: Das verschwiegene Familienunternehmen Oetker, das stets auf Mehrheitsbeteiligungen pocht, prallte auf den streitbaren und forschen Kühne, im Hauptberuf Eigentümer des schweizerischen Logistikkonzerns Kühne + Nagel, der Hapag-Lloyd mit knapp einer Milliarde Euro rettete, als TUI die Lust an der Schifffahrt verlor und ein Verkauf nach Asien drohte.

Daher hatte sich das Scheitern abgezeichnet - spätestens als Kühne in einem Zeitungsinterview vor zwei Wochen eine "Fusion unter Gleichen" und einen Börsengang des fusionierten Konzerns binnen zwei bis drei Jahren forderte. „Ich favorisiere eine Partnerschaft mit Oetker, nicht eine Übernahme durch Oetker“, sagte er der Zeitung „Die Welt“ „Ich lasse mich nicht beiseite schieben.“ Hapag-Lloyd-Aufsichtsratschef Jürgen Weber distanzierte sich ungewöhnlich deutlich: Kühnes Äußerungen seien die „Meinung eines einzelnen Anteilseigners“.

Kühne hatte erst im vergangenen Jahr auf 28 Prozent aufgestockt. Doch nach einer Fusion hätte er bei strategischen Entscheidungen überstimmt werden können. Die Stadt Hamburg ist mit knapp 37 Prozent der größte Aktionär, TUI hält 22 Prozent. Hapag-Lloyd ist mit einem Umsatz von 6,1 Milliarden Euro deutlich gewichtiger, hat aber Schulden von 1,8 Milliarden Euro im Gepäck, Hamburg-Süd ist mit rund 4,7 Milliarden Euro Umsatz schuldenfrei. Eigentlich sollte ein Bewertungsgutachten bis Juni Klarheit schaffen. Doch darauf wollte Oetker nicht mehr warten.

Nun könnte Hapag-Lloyd allein an die Börse gehen. Denn im Drängen darauf war sich Kühne einig mit TUI und den kleineren Mitgliedern des Albert-Ballin-Konsortiums wie dem Versicherer Signal Iduna oder der Bank M.M. Warburg. Sie wollen über kurz oder lang aussteigen. TUI hat sich sogar das Recht zusichern lassen, einen Börsengang von Hapag-Lloyd zu verlangen. "Ob mit oder ohne Hamburg Süd, Hapag-Lloyd wird an die Börse gehen", sagte Kühne in dem Zeitungsinterview. (Reporter: Alexander Hübner und Jan Schwartz; Mitarbeit: Arno Schütze; redigiert von Olaf Brenner)

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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