Chaos bei Pleite-Airline
Piloten bleiben zu Hause – Air Berlin streicht schon wieder Flüge

Ein wilder Piloten-Streik hat Air Berlin ins Chaos gestürzt – auch am Mittwoch fielen mehr als 30 Flüge aus. Inzwischen hat sich auch die Politik eingeschaltet - mit der Forderung nach teils drastischen Konsequenzen.
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BerlinAir Berlin drängt seine Piloten dazu, für einen stabilen Flugbetrieb zu sorgen und die Arbeit wieder aufzunehmen. Das Management der insolventen Airline appellierte an die Flugzeugführer, nach Krankmeldungen nun wieder freiwillig ins Cockpit zurückzukehren, wie aus einem Brief an die Piloten hervorgeht, der Reuters am Mittwoch vorlag. „Unterstützt uns in dieser für das Unternehmen existenzbedrohenden Situation“, schrieb Konzernchef Thomas Winkelmann.

Es hätten sich zwar seit Dienstagabend mehr als zwei Dutzend Kapitäne wieder „fit to fly gemeldet“. Dennoch sei man gezwungen, den Kunden wieder eine „unerträgliche Situation an den Flughäfen“ anzubieten. „Wir müssen mindestens 32 Flüge bei uns streichen. Für Eurowings können wir 35 nicht durchführen.“ Man gehe davon aus, dass man ab Donnerstag wieder einen „stabilisierten Flugbetrieb“ anbieten könne.

Das Management werde nach Auswertung der für den 15. September erwarteten Kaufangebote von Interessenten Gespräche mit den Arbeitnehmervertretern und Gewerkschaften führen. Ziel sei eine geordnete Überleitung möglichst vieler Arbeitsplätze. „Die kurzfristige Stabilisierung des Flugbetriebs schon morgen ist die unabdingbare Voraussetzung dafür“, betonte Winkelmann.

Am Mittwoch wurden zunächst mindestens 30 Verbindungen gestrichen. Betroffen seien etwa der Flughafen Berlin-Tegel mit sieben und der Flughafen Düsseldorf mit fünf Ausfällen, sagte eine Sprecherin des Unternehmens am Morgen. Die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) schilderte, dass einzelne Crews trotz vorhandener Maschinen nicht fliegen konnten, weil die Fluggesellschaften vorsorglich Verbindungen aus dem Flugplan gestrichen hatten.

Die weiteren Streichungen verteilten sich auf verschiedene Airports. Köln/Bonn war nach dortigen Angaben mit neun Flügen der Gesellschaft Eurowings betroffen, die bei Air Berlin Maschinen mit Besatzung gemietet hatte. In Düsseldorf fielen fünf Verbindungen aus. In Stuttgart waren es mindestens zwölf Flüge, davon acht bei Eurowings. Es sei nicht ausgeschlossen, dass im Verlauf des Tages noch weitere Strecken gestrichen werden müssten, so die Air-Berlin-Sprecherin.

Bereits am Dienstag hatten sich etwa 200 Piloten von Air Berlin krank gemeldet. Mehr als 100 Flüge fielen aus, Tausende Passagiere waren betroffen.

Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) nannte die zahlreichen Krankmeldungen „hochgradig unsolidarisch“. Die SPD-Politikerin sagte, die Piloten belasteten einen Verkauf durch ihr Verhalten. Die insolvente Fluggesellschaft sei in einer ausgesprochen schwierigen Lage. Nahles betonte gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters, an dem Unternehmen hingen 8.000 Beschäftigte, die nicht in Mithaftung für die Einzelinteressen einiger Piloten genommen werden sollten.

„Ich wünsche mir, dass alle Beteiligten an den Gesprächen um die Zukunft von Air Berlin die Nerven behalten und versuchen, das Beste für die Beschäftigten zu erreichen“, sagte Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD) der „Bild“-Zeitung. Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) forderte, „den Flugbetrieb jetzt bestmöglich aufrechtzuerhalten und nicht die Kunden in Mitleidenschaft zu ziehen“.

Der Vizechef der Unions-Bundestagsfraktion, Michael Fuchs (CDU), forderte harte Konsequenzen für die Piloten. „Im Moment riecht alles nach einer abgesprochenen Aktion der Piloten. Ein solches Verhalten darf nicht Schule machen und nicht hingenommen werden“, sagte Fuchs dem Handelsblatt. „Ich befürworte ein hartes Vorgehen des Management und des Insolvenzverwalters gegen eine solche Arbeitsverweigerung und Unternehmensschädigung.“

Fuchs mahnte überdies darauf zu achten, dass der von der Bundesregierung zur Verfügung gestellte Überbrückungskredit in Höhe von 150 Millionen Euro nicht für die Entgeltfortzahlung in solchen Fällen aufgebraucht werde. Der Sachverhalt müsse daher „gründlich“ aufgearbeitet werden. „Es stehen Schadenersatzansprüche gegen die Piloten im Raum, möglicherweise sogar strafrechtlich relevantes Handeln“, sagte der CDU-Politiker. Fuchs fügte hinzu: „Sollte so ein Verhalten in Zukunft häufiger auftreten, muss sich auch der Gesetzgeber Gedanken machen, wie wir unseren Wirtschaftsstandort besser vor wilden Streiks schützen können.“

Tarifexperte Hagen Lesch vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW Köln) sieht in den Krankmeldungen einen illegalen Arbeitskampf. Diese sogenannten wilden Streiks hielten in der Luftfahrt mehr und mehr Einzug, sagt der Volkswirt. Solche verdeckten Streikformen seien in Deutschland illegal.

In einem internen Brief an die Piloten schrieben Vorstandschef Thomas Winkelmann und seine Kollegen Oliver Iffert und Martina Niemann am Dienstag: Es „liegen uns gegenwärtig 149 Krankmeldungen von Kapitänen und First Officers vor“. Das Schreiben lag der Deutschen Presse-Agentur vor. Dieser Krankenstand habe sich bis zum Mittwochmorgen nicht verändert, sagte die Sprecherin.

Die Kosten für die Airline beliefen sich am Dienstag nach internen Berechnungen auf rund fünf Millionen Euro. Das Management sprach von einer existenzbedrohenden Situation und kritisierte, ein Teil der Belegschaft spiele mit dem Feuer.

Ein Flugkapitän von Air Berlin übte deutliche Kritik am Management der insolventen Fluggesellschaft: Im Verkaufsprozess lasse die Unternehmensspitze die Beschäftigten bewusst im Unklaren, um Existenzängste zu schüren, heißt es in einem Offenen Brief des früheren Betriebsratsvorsitzenden Hans Albrecht. Ziel sei es, sich „vertraglicher Altlasten“ zu entledigen und die Tarife unter Druck zu bringen. „Sie machen sich zum Handlager bei der Demontage eines Berufsstandes“, heißt in dem Brief, den „t-online.de“ verbreitete.

Der Vorstand, die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) und der Betriebsrat riefen die gesunden Mitarbeiter dazu auf, zur Arbeit zu kommen. Die Unternehmensführung betonte: „Wir laufen massiv Gefahr, den Investorenprozess, den wir mit dem Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung begonnen haben, nicht mehr zu einem möglichst positiven Ende zu führen.“ Um Investoren nicht zu verschrecken und möglichst viele Arbeitsplätze retten zu können, sei es „entscheidend, den Flugbetrieb kurzfristig zu stabilisieren“.

Die erneuten Turbulenzen kommen für Air Berlin reichlich ungelegen, schließlich drängt die Zeit für einen Verkauf. Bleibe es bei diesem Krankenstand, drohe vermutlich eine vollständige Liquidation der Fluggesellschaft, warnte der Generalbevollmächtigte Frank Kebekus im Intranet des Unternehmens. Er soll die Airline sanieren und verhandelt mit der Lufthansa und weiteren Interessenten über einen Verkauf. An diesem Freitag endet die Bieterfrist, eine Entscheidung soll am 21. September fallen.

Die seit Jahren verlustreiche Air Berlin hatte Mitte August Insolvenz angemeldet, nachdem ihre arabische Großaktionärin Etihad die Zahlungen eingestellt hatte.

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur
Dietmar Neuerer
Dietmar Neuerer
Handelsblatt / Reporter Politik

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  • Betrug. Und Beihilfe zum Betrug seitens der Ärzte.

    Nicht nur wird die "Krankenkasse" betrogen, sondern das Unternehmen. Na, die Namen der Piloten werden schon bald die Runde in der Branche machen. Und dann gibt es derbe Abzüge für diese "Kapitäne" beim Gehalt.

  • Der Name Berlin steht doch zwischenzeitlich überall für arm aber sexy!

    Und da nennt sich dann Bundeshauptstadt?

    Bundeshaupstadt der Verlierer?

  • Also, Herr Nolte: 1. sind falsche Krankmeldungen ein Betrug an der Allgemeinheit, weil die Krankenkassen ab Tag 1 dem Arbeitgeber Lohnerstattungen zahlen müssen. Warum muss meine Firma mit den Krankenkassenbeiträgen so einen Streik finanzieren? 2. wieso hat die Lufthansa schuld, wenn Arbeitnehmer die Krankenkassen betrügen, weil sie sich krank melden, obwohl sie nicht krank sind? 3. Managementfehler hin oder her, was soll es bringen, den interimsbetrieb nun zu stören? Alles, wozu das führt, ist, dass sich die Optionen eingrenzen und mehr Arbeitsplätze verloren gehen. Sind Sie einer der Piloten?

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