Christie’s und Sotheby’s suchen neue Chancen außerhalb des teuren Top-Segments
Spitzenkunst hilft Auktionsriesen wenig

Nach Jahren verwegener Ambitionen, großer Skandale und roter Zahlen geben sich die Auktionsriesen der Welt wieder zurückhaltender. Sotheby’s und Christie’s wollen den Schock nach der deftigen Kartellstrafe endlich hinter sich lassen – auch wenn die Vergangenheit sie nun noch einmal erfasst: Jüngst wurde der 79-jährige frühere Sotheby's-Chef Alfred Taubman aus dem Gefängnis entlassen. Der Kartellskandal, für den er eine fast elfmonatige Gefängnisstrafe verbüßte, wird nun verfilmt – mit Sigourney Weaver in der Rolle der Sotheby's Präsidentin Dede Brooks.

LONDON. Über 550 Mill. $ Geldstrafen und Kompensationszahlungen wegen Preisabsprachen haben die Bilanzen von Christie's und Sotheby's schwer belastetet. Rigorose Programme zur Kostensenkung folgten – auch weil die Markterwartungen nach unten angepasst werden mussten. Doch das scheint nun vorbei. Sotheby’s Holding, der einzige börsennotierte Großauktionator, dürfte nach dem dritten Jahr starker Verluste im nächsten Jahr zur Profitabilität zurückkehren. Christie's, seit 1999 im Besitz der Artemis-Holding des französischen Einzelhandelsunternehmers François Pinault, war eigenen Angaben zufolge bereits 2002 wieder profitabel.

Die beiden Konzerne machen das Hochpreissegment bei Auktionen unter sich aus, doch kontrollieren sie nach einer Studie der European Fine Art Foundation nur 45 % des gesamten Auktionsmarktes und maximal 25 % des auf 26 Mrd. Euro geschätzten Kunsthandels.

Enttäuschte Hoffnungen haben auch den Wert der Auktionsgiganten sinken lassen – der Preis der Sotheby’s-Aktie hat sich in den vergangenen zwölf Monaten halbiert. Lange galten Auktionshäuser als Schlüssel für das Luxussegment. Die Kundenlisten wurden als Goldminen für das neue Wohlstandsmarketing gehandelt. Kurz nach der Übernahme von Christie’s durch Pinault kaufte Bernard Arnault über seine Luxusgruppe LVMH den Londoner Auktionator Phillips. Mit Investitionen von 100 Mill. $ wollte Arnault sich in das lukrative Topsegment hineinboxen – vor zwei Jahren zog er sich erfolglos zurück.

Ein Grund: Auch wenn die Preise für Spitzenkunst widerstandsfähig blieben – die Knappheit lukrativer Qualitätskunst und das wählerische Käuferverhalten wirken als Bremsen. Keinem Spitzenauktionator ist es gelungen, an die Rekordumsätze von 1989/90 heranzukommen.

Heute suchen die Auktionsriesen Wachstum im mittleren Preisbereich, in regionaler Ausbreitung und über neue Marketingmethoden wie dem Internet. Vorgemacht hat es Bonhams, das drittgrößte Auktionshaus, das rasante Wachstumsraten vorlegte: Bonhams Umsätze stiegen binnen sechs Jahren von 70 auf 304 Mill. $. Christie's und Sotheby's lagen 2002 gleichauf mit stagnierenden 1,8 Mrd. $.

Chancen ergeben sich auch aus der stark regionalisierten Struktur des Auktionswesens im niedrigeren Preissegment. Seit die EU vor drei Jahren die Liberalisierung des französischen Auktionsmarkts erzwang, haben Christie’s und Sotheby’s dort bedeutende Fortschritte gemacht. Dies könnte ein Signal für den deutschen Markt sein – Bonhams ist hier zu Lande bereits auf der Suche nach Zukäufen. Sotheby's und Christie's haben den deutschen Markt mit Spezialauktionen angetestet und werden versuchen, hier in neue Märkte zu wachsen.

Quelle: Handelsblatt

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent
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