Das Deichmann-Imperium
Die Leisetreter

Sie lebt nach der Bibel, wendet aber neueste Managementmethoden an – wie die Familie Deichmann Europas größten Schuhhändler führt. Eine Handelsblatt-Reportage.

ESSEN. „Arbeit, die nur gemeinsam getan werden kann, steht unter der Verheißung Gottes – nicht das egoistische, auf Selbstverwirklichung ausgerichtete Tun des Menschen, der nur sich selbst zum Ziele hat. So sind wir als Kinder des himmlischen Vaters befreit zum Dienst füreinander und nicht gegeneinander, weil uns die Liebe des Sohnes Gottes ins Herz gegossen ist.“ (Deichmann-Mitarbeitermagazin „intern“)

Mit diesen ergreifenden Sätzen schwört die Geschäftsleitung der Deichmann-Gruppe ihre mehr als 20 000 Beschäftigten auf 2004 ein. Aber weil der Mensch vom Beten alleine nicht leben kann, folgen ein paar knappe Ausrufe: „Gemeinsam werden wir es schaffen!“ ist da zu lesen. „Mehr Umsatz in 2004! Mindestens drei Prozent, hoffentlich deutlich mehr!“

Es ist ein schöner Frühlingsmorgen, wärmendes Sonnenlicht fällt in das helle, sehr aufgeräumte Zimmer im Essener Vorort Borbeck. Hier, im vierten Stock eines modernen Bürogebäudes, arbeitet Heinrich Deichmann, 41, ein mittelgroßer Mann mit wohlig gebräuntem Gesicht, das sein blütenweißes Hemd unterm blauen Nadelstreifenanzug noch strahlender erscheinen lässt. Seine Figur ist sportlich, sein Lächeln spitzbübisch, sein Blick durch die unauffällige Brille klar, sein Auftreten betont höflich.

Das also ist der Manager, der den größten Schuhhändler Europas leitet. 1 900 Filialen in elf Ländern, ein Familienbetrieb, der wächst, als gäbe es keine Konsumkrise; der 2003 weltweit mehr als 83 Millionen Paar Schuhe verkaufte; der in Deutschland einen Marktanteil von 20 Prozent erreicht hat; der aber seinen 90. Geburtstag feiern musste, ehe er im vergangenen Jahr erstmals eine Pressekonferenz abhielt. „Wir haben uns selbst nie als besonders wichtig empfunden“, sagt der Vorsitzende der Geschäftsführung.

So ist, weitgehend unbeobachtet von der Öffentlichkeit, aus einer kleinen Schuhreparatur namens „Elektra“ im Essener Norden ein internationaler Handelskonzern entstanden – mit einem Mix aus modernen Managementmethoden und christlicher Glaubenslehre. Wie der rasant wachsende Textilhändler Hennes & Mauritz beherrscht Deichmann inzwischen die gesamte Wertschöpfungskette – vom Design bis zum eigenen Shop. Und die Bibel gibt die Werte vor. Heinrich Deichmann drückt es so aus: „Unser wirtschaftliches Handeln muss allen Beteiligten vom Unternehmer über die Mitarbeiter und Lieferanten bis zum Kunden Nutzen bringen.“

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