„Das längste Bett seiner Klasse“
Ziel erreicht – Kunde schläft

Um sich stärker gegen Billigflieger abzugrenzen, investiert die Lufthansa 300 Millionen Euro in ihre Business Class.

FRANKFURT. Bei Singapore Airlines heißen sie „Space Beds“, bei der australischen Qantas „Skybeds“ und bei Virgin Atlantic gar „Upper Class Sleeper Seats“ – fliegende Betten, die dem vornehmen Luftfahrtbusiness nach all dem irritierenden Billig-Geschrei wieder einen Hauch von Luxus zurückgeben sollen.

Während Firmenchefs wie Ryanair-Boss Michael O’ Leary eine Business Class im Flugzeug schlicht für überflüssig halten, mühen sich die hohen Herren der so genannten Full-Service-Airlines seit Monaten um mehr Stil in der Branche, vor allem um mehr Nähe zur Kundschaft: „Die Wünsche unserer Kunden sind die Basis für Neuentwicklungen“, heißt es etwa bei der Lufthansa. Bei Air France klingt das ganz ähnlich: „In einer Zeit, in der viele Airlines beschließen, ihre First Class aufzugeben, nehmen wir die Kundenwünsche ernst und verbessern den Service auf ausgewählten Strecken“, sagt deren Deutschland-Direktor Franck Thiébaut.

Als Lufthansa gestern seinen neuen Business-Class-Sitz erstmals der Öffentlichkeit präsentierte, fiel der weiße Vorhang zur Enthüllung ähnlich spektakulär wie bei jenen Formel-1-Events, bei denen Michael Schumacher eine Rede in italienischer Sprache hält und anschließend über seinen neuen Ferrari-Boliden streichelt. Diesmal redet Lufthansa-Chef Wolfgang Mayrhuber. Er doziert über „die Nutzbarmachung von Zeit“, über die zusehends unberechenbare Kundschaft, die „morgens bei Feinkost Käfer und abends bei Aldi“ einkauft – und er spricht ausführlich über entspanntes Schlafen an Bord eines Flugzeugs. Geht das? „Schauen Sie selbst“, sagt Mayrhuber und zeigt auf die jüngste, 300 Mill. Euro teure Lufthansa-Investition: „Ein weltweit einzigartiger Sitz“ sei das und „alles andere als Schnickschnack“, fügt Lufthansa-Vorstand Thierry Antinori an.

Die Kundschaft in den Schlaf zu wiegen ist der Wunsch aller großen Langstrecken-Carrier. Während Singapore Airlines in einer Mini-Suite neuerdings Federbetten offeriert und Qantas auf Schlafsitze mit abgeschotteten Kopfmulden setzt, preist Lufthansa nun „das längste Bett seiner Klasse“ an. Der neue Business- Class-Sitz lässt sich auf zwei Meter Länge ausfahren, der Neigungswinkel zum Boden beträgt nur neun Grad. Sechs Stellmotoren im Inneren der Sitze sollen das ein oder andere Rückenleiden erträglicher machen – Massagefunktion inklusive.

Der große Lufthansa-Rivale Air France präsentierte seine neue Business Class bereits eine Woche vorher und posaunte dabei ähnliche Argumente in die Öffentlichkeit: Neuartige Liegesitze, Video on Demand, mehr Platz für gestresste Passagiere. Während Billigflieger wie Ryanair die größtmögliche Anzahl von Stühlen in ihre Jets schrauben, wird Lufthansa den Sitzabstand in der Business Class um 25 % auf 150 Zentimeter vergrößern. Air France verspricht in seiner neuen First Class gar 50 % mehr Platz.

Fliegen ist nicht der bloße Transport von A nach B, wollen die etablierten Airlines damit sagen. Fliegen soll möglichst auch Komfort bieten, mehr Ruhe, mehr Service. Weil die Angebote in erster Linie auf längeren Flügen nachgefragt werden, beschränkt sich die Umrüstung vieler Jets zunächst auf die Interkontinentalflotte. Lufthansa startet mit seiner neuen Business-Class erstmals am 18. Dezember auf der Buenos- Aires-Strecke. Im nächsten Jahr sollen nach und nach zehn neue Airbus-Langstreckenjets mit dem neuen Service zur Flotte stoßen. Auch Internet an Bord wird Lufthansa in diesen Jets anbieten – diesmal früher als die Konkurrenz.

„Obwohl die wirtschaftliche Lage unseres Unternehmens schwierig ist, müssen wir in neue, innovative Produkte investieren“, verteidigt Mayrhuber den dreistelligen Millionenaufwand. Im von Billigfliegern übersetzten Europaverkehr wird es für den Lufthansa-Passagier allerdings nicht annähernd so gemütlich wie auf der Langstrecke: Dort will die Airline zügig 20 % der Kosten eliminieren – und damit fast so eisern sparen wie Ryanair.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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