Dax-Schwergewichte: Selbstzufriedenheit kommt vor dem Fall

Dax-Schwergewichte
Selbstzufriedenheit kommt vor dem Fall

Der Aufschwung weltweit lässt bei den Dax-Konzernen die Gewinne sprudeln. Allerdings gibt es auch warnende Stimmen, eine davon Siemens-Chef Peter Löscher. Der warnte in der Mitarbeiterzeitschrift vor Selbstzufriedenheit.
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Düsseldorf

Der weltweite Aufschwung beschert Deutschlands Industrieriesen Milliardengewinne. Dax-Dickschiffe wie Siemens und Volkswagen sind auf Rekordkurs. Doch ausgerechnet ihre Vorstandschefs bremsen jetzt bewusst die neue Euphorie in ihren Konzernen. Selbstzufriedenheit und Euphorie seien gefährlich, warnt Siemens-Chef Peter Löscher heute (Dienstag) die 400.000 Mitarbeiter des Münchner Technologieunternehmens. In einem Interview mit der Mitarbeiterzeitung „Siemens-Welt“ spricht er von der atemberaubenden Geschwindigkeit, in der sich die Märkte veränderten. Konsequenz:  Die Erfolge von heute können schnell von gestern sein.

Löscher ist mit seinen Sorgen nicht allein. Auch Volkswagens Vorstandschef Martin Winterkorn fürchtet die Zerstörungskraft der Selbstzufriedenheit unter den 400.000 Beschäftigten des Autokonzerns. „Trotz aller Erfolge dürfen wir nicht selbstzufrieden sein“, warnt er. Auf einem Führungskräftetreffen in Dresden mahnte er die aus aller Welt angereisten gut 2.000 Topmanager des Konzerns: „Die globalisierte Wirtschaftswelt und das Automobilgeschäft sind unberechenbar geworden. Unsere Konkurrenten haben Volkswagen zum Zielwettbewerber erklärt. Das ist eine neue Situation für uns und darauf müssen wir uns einstellen.“

Die heimischen Automanager beschleicht zunehmend das Gefühl, dass sie vom Jäger zum Gejagten werden könnten. Die deutschen Hersteller melden zwar Rekordabsätze und wollen weiter expandieren. Ihre Wachstumsaussichten sind auch dieses Jahr gut – das Tempo in der Branche geben jedoch bei Schlüsselthemen der Zukunft vor allem Wettbewerber aus Übersee vor. So haben beim Elektroauto und der Lithium-Ionen-Batterie vor allem Chinesen und Japaner die Führungsrolle übernommen und auch die beiden größten Aufsteiger bei den weltweiten Verkaufszahlen kommen aus Asien: Am stärksten zulegen konnten im abgelaufenen Jahr der japanische Autobauer und Renault-Partner Nissan sowie der südkoreanische Autohersteller Hyundai mit seiner Schwestermarke Kia.

Vor allem die Südkoreaner machen die Manager nervös. Denn lange hatte den heute fünftgrößten Autokonzern der Welt kaum ein wichtiger Konkurrent auf der Liste. Noch vor zehn Jahren war Hyundai-Kia die Nummer zehn weltweit und galt als unscheinbarer Billiganbieter der Szene. Doch damit geben sich die Südkoreaner längst nicht mehr zufrieden. Clever hat der Hersteller, der in Europa seine Kundschaft zunächst mit günstigen Geländewagen für sich gewann, von Modellgeneration zu Modellgeneration die Klasse – und die Preise – seiner Fahrzeuge sukzessive angehoben.

Inzwischen wagt sich Hyundai mit Fünf-Meter-Limousinen auch ins Premiumsegment vor und attackiert damit selbst BMW, Audi, Toyota und Mercedes. So steigt der Hersteller, der rund die Hälfte des koreanischen Marktes kontrolliert, in kurzer Zeit zu einem gefährlichen Wettbewerber in Europa und den USA auf.

Denn keiner der großen Hersteller wächst so schnell wie die Koreaner. Vor drei Jahren waren sie noch die Nummer acht weltweit, vor zwei Jahren rückte der Konzern bereits an die fünfte Stelle vor – und Hyundai-Boss Chung Mong-Koo will noch mehr. Schon 2011 will der Konzern weltweit über 6,3 Millionen Fahrzeuge verkaufen. Eine Kampfansage, denn der Hersteller rückt damit allmählich in Schlagweite zu den großen drei Toyota, GM und VW.

Die Asiaten sind dafür gut gerüstet. Mit einer Ebit-Marge von 8,5 Prozent gehören sie zu den rentabelsten Massenherstellern. Seit Jahren schmücken sie die oberen Plätze in den Qualitätsberichten und mit dem Ex-Audi-Designer Peter Schreyer haben sie sich längst auch europäisches Know-how einverleibt.

Im Wettkampf um die automobile Spitze nehmen auch der weltgrößte Autokonzern Toyota und die wieder erstarke Nummer zwei, der US-Konzern General Motors, wieder an Fahrt auf. Die Japaner haben trotz der massiven Rückrufe im Vorjahr ihre Spitzenposition auf dem Automarkt knapp behauptet und setzen 8,418 Millionen Fahrzeuge ab. Toyota-Chef Akio Toyoda will nun wieder auf Angriff umschalten. Im April plant der Vorstandschef seine „2020 Vision“ vorzulegen.

Auch der neue GM-Boss Dan Akerson meldet sich zurück. Der größte US-Autohersteller GM berichtete nach seiner Rückkehr an die Börse über ein unerwartet starkes Absatzplus im abgelaufenen Jahr von 12,2 Prozent auf 8,39 Millionen.

In weiteren, einst deutschen Renommierbranchen, drohen heimische Unternehmen ins Hintertreffen zu geraten. Das gilt etwa für die Solarindustrie, einst eine deutsche Vorzeigebranche: Chinas Solarfirmen gehören inzwischen zu den besten Schülern ihrer deutschen Branchenkollegen. Anfänglich übernahmen sie als Fremdfertiger einen Teil der Produktion deutscher Firmen. Inzwischen hat sich das Blatt gedreht: Konzerne wie Suntech oder Yingli gehören gemessen an Umsatz und Ausstoß zur Weltspitze. Selbst bei der Qualität machen die Konkurrenten aus dem Reich der Mitte Fortschritte, bei der Leistung stehen sie nur knapp hinter den Europäern zurück.

Den neuen Anspruch untermauern die Firmen aus dem Reich der Mitte auch in Werbekampagnen. So gab Yingli Millionen als Sponsor der Fußball-WM in Südafrika aus und ist nun einer der Werbepartner von Bayern München.

Axel Höpner
Axel Höpner
Handelsblatt / Büroleiter München

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