Der Ex-Karstadt-Manager Walter Deuss wird 70 und denkt noch nicht an Ruhestand
Resozialisierung von Kindern statt Shareholder Value

Was denkt Walter Deuss angesichts der traurigen Entwicklung, die der Essener Karstadt-Quelle-Konzern heute nimmt? 35 Jahre lang war er bei Europas größtem Warenhausunternehmen. In der Anfangsphase führte noch sein Vater Johann Deuss als Vertreter des Großaktionärs Commerzbank den Karstadt-Aufsichtsrat und ein Kleinaktionär argwöhnte schon, es handle sich um Vetternwirtschaft. Doch der „Junior“ schaffte es allein an die Spitze. 18 Jahre lang war er Vorstandschef und der Karstadt-Quelle-Konzern trug seine Handschrift als Deuss im Juli 2000 abtrat.

DÜSSELDORF. „Ich habe einen dicken Strich darunter gezogen,“ sagt der Manager im Gespräch mit dem Handelsblatt ganz philosophisch: „Ich habe mir angewöhnt, mich nicht über Dinge zu grämen, die ich ohnehin nicht ändern kann.“ Die Weisheit des Alters - Deuss wird am 1. Mai 70 - hilft, und das dicke Fell, das man sich mit der Zeit zulegt, auch. Nur als in der Öffentlichkeit behauptet wurde, Deuss habe genauso viel Schuld an der Misere wie sein Nachfolger Wolfgang Urban, erwachte sein Kampfgeist und er focht sogar in TV-Diskussionen für seine Reputation.

Ganz wegschauen kann der ehemalige „Mister Karstadt“ sowieso nicht. Was in Essen unter Ägide von Aufsichtsratschef Thomas Middelhoff und der Großaktionärin Madeleine Schickedanz passiert, beobachtet er genau. Kommentieren mag er es nicht. Nur die Bemerkung, dass in Middelhoffs Saniererteam ein „Warenmann“ fehle, der das Handelsgeschäft in all seinen Feinheiten kenne, rutscht dem erfahrenen Handelsmanager doch heraus.

Ob er heute bedauert, dass er die Familie Schickedanz 1997 im Wege der Fusion mit dem Versender Quelle ins Haus geholt hat, wird er wohl nie verraten. Aber dass er im Sommer 2000 das Angebot, in den Karstadt-Quelle-Aufsichtsrat zu wechseln, nicht angenommen hat, darüber ist er heute froh: „Ich konnte die Kultur, die sich ausbreitete, damals nicht verhindern“, sagt er. Und als Aufsichtsrat wollte er sie nicht mittragen. Zum Bruch mit Großaktionärin Schickedanz und dem Aufsichtsratschef Hans Meinhardt, Deuss altem Duzfreund, war es im Frühsommer 2000 gekommen. Das Verhältnis hatte sich abgekühlt: Madeleine Schickedanz und ihr Vertrauter Meinhardt wollten lieber den ehemaligen Metro-Vorstand Wolfgang Urban, der ihnen Traumrenditen und eine Politik des Shareholder Value versprochen hatte. Warnungen, die das heutige Desaster bei Karstadt-Quelle voraussahen, schlugen sie in den Wind.

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