Der Grüne Punkt
Unverkäufliches Muster

Frühjahrszeit – Gartenzeit. Für manche Hobbygärtner indes startete diesmal die Saison mit einem Schrecken. In vielen Städten ließen die Abfuhrunternehmen den Verpackungsmüll einfach stehen.

DÜSSELDORF. Wer die aus schwarzem oder braunem Kunststoff gefertigten Pflanzentöpfe achtlos in die gelbe Tonne warf, erlebte sein blaues Wunder: In vielen Städten ließen die Abfuhrunternehmen den Verpackungsmüll einfach stehen. Schließlich, so hieß es zur Begründung, seien die Plastiktöpfe von den Gärtnereien nicht mit dem kostenpflichtigen Grünen Punkt versehen worden.

Dass die Jagd nach Trittbrettfahrern erstmals in Deutschland bei Verbrauchern nennenswerte Kollateralschäden hinterlässt, hat einen triftigen Grund: Der Lizenzgeber des Grünen Punkts, das Duale System Deutschland (DSD), soll meistbietend verkauft werden. Marktpflege wird damit für den Eigentümer, die US-Beteiligungsgesellschaft KKR, zum Gebot der Stunde.

Womöglich sogar mehr als das. Denn derzeit laufen der Kölner Verpackungsmüllfirma die Kunden in Scharen davon. Jüngstes Beispiel: die Edeka Minden-Hannover. Der mit 5,7 Milliarden Euro Umsatz größte Edeka-Händler fordert seine Lieferanten auf, einen Teil ihrer Verpackungen beim DSD abzumelden. Stattdessen sollen sie Entsorgungsverträge mit Belland Vision abschließen. Der DSD-Konkurrent arbeitet zu deutlich niedrigeren Kosten. Er macht sich nämlich erst gar nicht die Mühe, leere Milchtüten und Jogurtbecher an den Haustüren abzuholen. Der Preisbrecher besorgt sich die entsprechenden Abfallmengen kurzerhand bei Krankenhäusern, Kinos und Kantinen.

Seit langem schon nutzen auch die Drogerieketten dm und Schlecker dieses so genannte Selbstentsorger-Modell. Rossmann, Tegut und der Kölner Handelshof sind ebenfalls teilweise beim DSD ausgestiegen. Glaubt man der Marktforschungsfirma GVM, haben Systemanbieter wie Belland, VfW und Interseroh dem DSD bereits einen Marktanteil von über elf Prozent abgenommen. Die Gegenwehr scheiterte. Einen eigenen Vorstoß ins Selbstentsorger-Geschäft blies die Grüne-Punkt-Firma wieder ab.

Dafür drängen seit wenigen Monaten gleich drei Unternehmen in den einstigen Monopolbereich des DSD. Landbell und Interseroh beteiligten sich an der haushaltsnahen Entsorgung, auch die Remondis-Tochter Eko-Punkt will dem DSD Marktanteile abjagen.

Schlimmer noch: Ein Viertel aller Verpackungen landet in den Entsorgungssystemen, ohne dass die entsprechenden Hersteller dafür einen Cent bezahlen. Dass heute nur noch 58 Prozent aller Verkaufsverpackungen über den Grünen Punkt entsorgt werden, hat in der DSD-Bilanz tiefe Spuren hinterlassen. Seit 2002 sackte der Umsatz von 1,9 Milliarden auf gerade einmal noch 1,2 Milliarden Euro. Gelingt es dem DSD nicht, den Niedergang zu stoppen, sagen Experten dem einstigen Goldesel bis Ende des Jahres den Zusammenbruch voraus.

Alle Hoffnungen der Kölner Müllfirma lasten deshalb auf einer möglichen Novelle der Verpackungsverordnung. Sie soll nach dem Willen der Landesumweltminister im Herbst ins Gesetzgebungsverfahren geschickt werden, um Trittbrettfahrer abzuschütteln. Für das DSD könnte der Schuss aber auch nach hinten losgehen. Hessens Landesregierung etwa möchte die Abfallwirtschaft wieder den Kommunen übertragen. KKR müsste dann wohl noch deutlich länger auf einen Käufer warten.

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