Handel + Konsumgüter
Der Milch-König ist auf der Flucht

Der bayerische Selfmade-Unternehmer Theo Müller setzt sich aus Gram über die Erbschaftsteuer in die Schweiz ab – sein Konzern floriert.

Theo Müller ist entschlossen. „Da geht nichts mehr, ich muss jetzt gehen“, sagt der Selfmade-Unternehmer aus Aretsried in der Nähe von Augsburg. Ihm bleibe einfach keine andere Wahl mehr als die Flucht in die Schweiz, auch wenn er seine Heimat nur ungern verlasse. Dort glaubt er sich vor der deutschen Erbschaftssteuer sicher, wenn er irgendwann den Konzern an seine Kinder übergeben will.

Viel Wirbel hat der 63-Jährige mit der Ankündigung seines Umzugs ausgelöst. Der Münchener Modeschöpfer Rudolf Mooshammer habe ihn gleich angerufen und ihm Mut gemacht, berichtet Müller. Und auch Claus Hipp, mit seinem Babynahrungskonzern einer der großen Mittelständler in Bayern, springt Müller zur Seite. „Letztlich geht es darum, ob der Mittelstand auch künftig in Deutschland erfolgreich existieren kann“, schimpft Hipp, im Nebenberuf auch Präsident der Münchener Industrie- und Handelskammer. Hinter vorgehaltener Hand äußert sogar mancher Politiker Verständnis.

Milch-König Theo Müller (Werbespruch: „Alles Müller oder was!?“) ist einer der ganz großen Mittelständler in Deutschland – und nicht nur einer der erfolgreichsten, sondern auch einer der verschwiegensten. Die Presse meidet er wie der Teufel das Weihwasser. Interviews gibt er normalerweise nicht. Kein Wunder, denn auch seine Geschäftspraktiken sind nicht immer unumstritten. Im vergangenen Jahr etwa protestierten 2 000 wütende Bauern gegen die Preispolitik Müllers. Und auch angebliche Umweltvergehen Müllers machten vor einigen Jahren Schlagzeilen. Doch das ficht den Konzernchef nicht an. „Wir wollen eine führende Position für Milchfrischprodukte in Europa besitzen“, heißt es auf der Internetseite schlicht zu den Zielen der Gruppe.

Schon heute gehören die Bayern zu den Großen der Branche. 2002 betrug der Umsatz mit Buttermilch, Yoghurt und anderem rund 1,8 Mrd. Euro. Die Firma beschäftigt 4 500 Mitarbeiter. Für 2003 wird trotz allgemeiner Konsumzurückhaltung ein Umsatzplus von 7 bis 8 % auf über 1,9 Mrd. Euro erwartet. „Das Geschäft läuft nicht ganz schlecht, aber es könnte ein bisserl besser sein“, sagt Müller jetzt dem Handelsblatt. Zahlen zum Gewinn wurden noch nie veröffentlicht. Aber die Ertragslage gilt als nicht schlecht, auch wenn Investitionen und hohe Ausgaben für Werbung belasten.

Zumindest sind die Erträge gut genug, um in den vergangenen Jahren eine rasante Expansion finanzieren zu können. 2000 kaufte Müller die ehemals Staatliche Molkerei Weihenstephan, einen Hochpreis-Hersteller von Milchprodukten. 1994 erwarb er in Leppersdorf bei Dresden eine der größten und modernsten Molkereien Europas von der angeschlagenen Sachsenmilch. Nicht zuletzt mit öffentlichen Fördergeldern wird der ostdeutsche Standort seitdem massiv ausgebaut. Auch an Deutschlands Grenzen macht Müller nicht halt: 1987 gehen die Bayern nach England, 1995 nach Italien, in diesem Jahr folgte Spanien.

Theo Müller hat sich von unten nach ganz oben gearbeitet. 1970 übernimmt er die 1896 gegründete Molkerei mit vier Mitarbeitern von seinem Vater. Als erster der Branche baut Müller einen deutschlandweiten Vertrieb für Milchprodukte auf und etabliert eine Marke. Aufwendige Werbekampagnen – früher mit Fußballstar Gerd Müller, heute mit Dieter Bohlen – sorgen für bundesweite Bekanntheit der Marke Müller. Vor zehn Jahren kannten bereits mehr als 90 % der Deutschen „Müller-Milch“.

Jetzt will Theo Müller im November die Koffer packen und in die Nähe von Zürich umziehen. Die Region Augsburg ist in Aufruhr, gehört Müller doch zu den größten Steuerzahlern im Landkreis. „Das macht uns Sorgen“, heißt es bei den offiziellen Stellen. Aber Carl Wuschek von der Gemeinde Markt Fischach, zu der auch Aretsried gehört, erwartet keine negativen Auswirkungen. Denn die Unternehmen des Milch- Imperiums und die Holding bleiben in Deutschland – vorerst zumindest.

„Die Marke Müller und ich stehen für Nonkonformismus und Innovation. Das ist wahre Souveränität“, sagte Müller diese Woche dem Magazin „Spiegel“. Man darf gespannt sein, auf welche Ideen der Bayer, der angeblich schnell in Rage gerät, als nächstes kommt.

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