Deutsche Bahn
Der entgleiste Börsengang

Ende September – die Finanzkrise hatte die Welt längst im Griff. Nur an einem Ort schien die Welt noch in Ordnung. Im obersten Stockwerk des „Bahntowers“, der Zentrale der Deutschen Bahn an Berlins Potsdamer Platz, sprach der Chef in kleiner vertraulicher Runde.

DÜSSELDORF. Von dem sich mit voller Wucht ausbreitenden Wirtschaftschaos wollte er nichts wissen. „Die Welt dreht sich weiter“, beschwor Hartmut Mehdorn seine Zuhörer mehrfach. Die Realwirtschaft werde sich von dem Desaster der Banken abkoppeln. Der Börsengang der Bahn, da war er sich ganz sicher, werde kommen. „Unser Wert ist nicht verkehrt in dieser Zeit. Das Geld ist da, das will weitermachen.“

Ob Hartmut Mehdorn da noch von unerschütterlichem Optimismus oder schon vom Mut der Verzweiflung getrieben war, hat er Chronisten verborgen. Keine 14 Tage später aber hieß es: aus der Traum. Am 9. Oktober verkündete Bundesfinanzminister Peer Steinbrück, die Realität, die sich bereits länger abgezeichnet hatte: Der Börsengang der Bahn, schon terminiert auf den 27. Oktober, findet erst einmal nicht statt. Aufgeschoben, nicht aufgehoben, sagte der Minister: „Der Börsengang der Bahn kommt. Wir werden das Vermögen des Bundes aber nicht zur Unzeit an die Börse bringen.“

Mit der Teilprivatisierung des staatlichen Verkehrskonzerns wollte Mehdorn in diesem Jahr ein wesentliches Ziel der 1993 aufs Gleis gesetzten Bahnreform erreichen und damit durchaus auch persönlich Geschichte schreiben. Doch nun endet das Jahr für die Bahn so, wie es begonnen hatte – mit einer eher ungewissen Zukunftsperspektive.

Die Welt drehte sich weiter, doch Geschichte schrieb und schreibt nun die Krise: Sie vereitelte den größten Börsengang, der in diesem Jahr in Frankfurt geplant war. Wann er kommt, steht in den Sternen. Nicht nur die Krise macht Prognosen vage, auch die Bundestagswahl im kommenden Jahr könnte zum Bremser werden.

Ob ein Börsengang überhaupt noch politisch durchsetzbar ist? Skepsis ist angebracht. Denn die politischen Kräfte, die immer schon gegen die auch nur teilweise Privatisierung des Konzerns waren, formierten sich nach der Absage rasch wieder, um im zweiten Anlauf zu vereiteln, was ihnen im Frühjahr nicht gelang. Damals beschloss der Bundestag mit der Mehrheit der Großen Koalition Ende Mai den gegen die SPD-Linken mühsam errungenen Kompromiss der Teilprivatisierung. Doch nicht nur die Oppositionsparteien stimmten dagegen, auch 27 SPD-Abgeordnete verweigerten ihre Zustimmung.

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