Deutsche Bahn
Hartmut Mehdorn vs. das Internet

Ein großer Künstler der PR ist weder die Deutsche Bahn noch Hartmut Mehdorn. Und die holprige Kommunikation wird in den neuen Medien zum Desaster. Die Deutsche Bahn hat ein Weblog abgemahnt – und erntet dafür einen Tsunami der Empörung.

DÜSSELDORF. Vielleicht kennt Bahn-Chef Hartmut Mehdorn den Namen Beckedahl ebensowenig wie das Weblog Netzpolitik.org. Vielleicht. Möglich ist aber auch, dass der Dreiklang Beckedahl – Netzpolitik – Weblog ihn gerade so richtig nervt. Weil er genug Sorgen hat und nicht auch noch ein PR-Desaster im Internet brauchen kann.

Dienstag um 15.04 Uhr schrieb Markus Beckedahl in seinem Blog Netzpolitik einen Artikel mit der Überschrift: „Deutsche Bahn AG schickt mir Abmahnung!“ Der Konzern wehrt sich gegen ein Memo, das als vollständige Datei auf Netzpolitik veröffentlicht wurde. Es protokolliert ein Treffen von Datenschützern mit der Bahn, es geht – klar – um die Spitzelaffäre. Das Papier ist kein großes Geheimnis in der Hauptstadt. Ein Journalist, der über die Bahn schreibt, und es nicht gesteckt bekam, muss sich vom Informationsfluss abgekoppelt fühlen. Nur: Allein Netzpolitik hat es komplett veröffentlicht. "Es ist einseitig verfasst", begründet ein Bahn-Sprecher die juristische Grätsche, die Seite seines Arbeitgebers werde nicht ausreichend gewürdigt.

Außerdem handele es sich hier um die Veröffentlichung von Geschäftsgeheimnissen, Beckedahl solle eine Unterlassungserklärung abgeben. Doch der Blogger und Chef der Software-Beratung Newthinking denkt nicht dran: "Ich werde die Unterlassungserklärung nicht unterzeichen und auch den Forderungen nicht nachkommen", sagte er dem Handelsblatt. Das Papier sei relevant für die gesellschaftliche Debatte der Bahn-Spitzelaffäre. Die Bahn glaubt anscheinend, der Berliner Landesdatenschutz habe das Memo so breit an die Medien gestreut. Zumindest hat der Verkehrskonzern auch bei dieser Institution eine Unterlassung gefordert.

Aus dem Web erhielt Netzpolitik einen Unterstützungstsunami. Innerhalb weniger Stunden berichteten über hundert andere Blogs, beim Kurznachrichtendienst Twitter wurde der Link zu Beckedahls Artikel munter weitergereicht. „Dienstag hatte Netzpolitik 100 000 Seitenabrufe, doppelt so viel wie an einem normalen Tag“, sagt der Berliner Blogger.

Juristen glauben, dass die Bahn wenig Chancen hat. Fabian Niemann von der Großkanzlei Bird & Bird: „Wenn das Memo unter Mitwirkung des Autor des Blog-Eintrags auf illegalem Wege beschafft wurde, kann ein Gericht die Veröffentlichung durchaus als rechtswidrig beurteilen. Ist das nicht der Fall, kann dem Autor ein ,Verrat von Geschäftsgeheimnissen' nicht vorgeworfen werden.“ Michael Terhaag von der Düsseldorfer Kanzlei Terhaag & Partner meint: "Ich halte die Chancen des Betroffenen für gut, sich in der Sache erfolgreich gegen die geltend gemachten Unterlassungs- und Schadensersatzansprüche zu wehren." Und: "In jedem Fall ist schon befremdlich, wie die Deutsche Bahn erst die Persönlichkeitsrechte seiner gesamten Belegschaft mit Füßen tritt und dann, anstatt vernünftig zur Aufklärung beizutragen, solche Nebenkriegsschauplätze aufmacht."

Seite 1:

Hartmut Mehdorn vs. das Internet

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%